Burnout heißt NICHT immer automatisch Depression!

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Ein ‚manager human ressources‘ (Personalchef) sagte einmal zu mir: ‚Ein Burnout…das ist doch eigentlich nur eine verkappte Depression!‘

Ich habe dem Sub-Text dieser Aussage – ‚depressive Mitarbeiter sind tunlichst zu vermeiden!‘ – keine Beachtung geschenkt und stattdessen versucht, Licht in sein Dunkel zu bringen:

  • Richtig ist, dass ein Burnout irgendwann in eine Depression münden kann – und auch wird‚ wenn man den Betreffenden lange genug weitermachen lässt‘ und/oder er ‚lange genug aushält ‘. (Dass und wie es dazu kommt, beschreibe ich demnächst im Artikel ‚Psychische Erkrankungen und das Stresskontinuum‘)
  • Richtig ist auch, dass massive innere und äußere Konflikte oder tief-liegende Traumata Betroffene schneller oder langsamer in einen Burnout führen können – und somit eine larvierte (verdeckte) Depression vorliegen kann, die ein (Mit)Auslöser für die letztendlich auftretende komplette Erschöpfung sein kann.
  • Richtig ist auch, dass Ärzte und Patienten manchmal ‚Burnout‘ als gesellschaftlich besser akzeptierte Schutzdiagnose wählen – was ja auch Sinn macht, wenn man sich den Sub-Text des obig erwähnten Personalchefs mit den drohenden Konsequenzen für sich outende depressive Mitarbeiter noch einmal zu Gemüte führt…

Trotzdem heißt Burnout NICHT immer automatisch Depression!

Denn

  1. gibt es auch andere Ursachen (über eine Depression hinaus), die Menschen in einen Burnout führen können: z.B. stets Anerkennung durch übertriebene Leistung erreichen zu wollen und andere apokalyptische Reiter des Burnout, Mobbing oder wiederholter, nicht zu bewältigender Mikro-Stress, mangelnde Anerkennung durch den Arbeitgeber, stetes Übergangen-werden bei Beförderung etc. Das heißt: wenn ein Mensch einen Burnout hat, kann es zwar sein, dass eine Depression vorliegt, es kann aber auch genauso gut sein, dass er keine Depression hat! Das zu entscheiden möge deswegen Fachleuten vorbehalten sein!
  2. Wenn keine larvierte Depression vorliegt, kommt es erheblich darauf an, wie weit der Burnout-Prozess vorangeschritten ist: wird der Mensch sehr schnell wachgerüttelt oder kommt er selbst frühzeitig an dem Punkt, dass irgendetwas in seinem Leben ‚schief läuft‘, dann muss es nicht bis zu einer Depression oder deutlich einschränkenden Körpersymptomen kommen und eine anschließende Depression oder Panikstörung kann vermieden werden. Entscheidend ist also, an welchem Punkt des Burnout-Prozesses der Betroffene gerade angetroffen wird.
  3. Werden viele Burnout-Patienten (glücklicherweise!) durch den Körper vor dem Abrutschen in die Depression (die dann oft auch noch das eigene Dasein infrage stellt) ausgeknockt: z.B. zwingen Panikattacken sie auszusteigen und zu reflektieren. Auch hier liegt somit noch (!) keine Depression vor und der Patient ist eher hyperaktiv als depressiv gelähmt.
  4. Und selbst wenn eine Depression vorliegt (…um der Stigmatisierung noch einmal entgegen zu wirken): selbst wenn bei einem Menschen im Burnout-Geschehen eine Depression offensichtlich wird, hat er sie sich bestimmt nicht ausgesucht! Eine Depression ist immer (wenn keine tatsächliche oder angenommene körperliche Ursache dahinter steckt) eine Antwort auf das, was dem Menschen, der vor einem sitzt, in der Vergangenheit widerfahren ist oder in der Gegenwart gerade widerfährt – und damit niemals verwerflich und muss auch kein in Stein-gemeißeltes Schicksal á la ‚einmal Depression – immer Depression‘ sein!

…Und schon gar nichts sagt eine Depression über die generelle Leistungsfähigkeit eines Menschen im Arbeitsleben aus, wenn dieser die Depression überwunden hat und sich gut mit den Themen dahinter auseinander gesetzt, verändert und daraus gelernt hat…

©Nicole Teschner, 2015

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4 Kommentare zu “Burnout heißt NICHT immer automatisch Depression!

  1. Ein sehr informativer und differenzierter Beitrag – danke dafür!

    Ich würde gerne noch einen Aspekt hinzufügen – egal ob BurnOut oder Depression. Es macht auf alle Fälle Sinn sich auch zu fragen, ob man evtl. ein hochsensibler Mensch ist. 15-20% aller Menschen sind hochsensibel – und es gibt sehr viele Patienten, die wiederholt in die Depression rutschen, da sie über ihre Hochsensibilität nicht Bescheid wissen:

    https://hochsensibel1753.wordpress.com/der-schlussel/

    Ich will damit nicht sagen, dass jeder Burnout- und Depressionerkrankte hochsensibel sein muss! Allerdings ist es für unwissende Hochsensible von größtem Wert zu wissen was mit ihnen los ist. Erst dann kann man erkennen, dass man tatsächlich andere Bedürfnisse hat und ein anderes Lebenstempo erforderlich ist als bei den Normalsensiblen.

    Viele Grüße,
    Julia

    • Hallo Julia,

      vielen Dank für Deinen sehr guten Kommentar!

      Hochsensibilität ist ein spannendes Thema und es wird für mich nun interessant sein, verstärkt zu beobachten, ob die Hochsensibilität meiner Patienten lebensgeschichtlich oder vorwiegend genetisch bedingt sind.

      Denn eins meiner Hauptindikationen, die ich in der täglichen Praxis bearbeite, sind Traumata. Ich arbeite mit vielen Patienten, die eine sehr schwere Kindheit oder isolierte schwere traumatische Erlebnisse in der Kindheit hatten und die dadurch psychische Symptome unterschiedlichster Richtung entwickelt haben (Depressionen, Burnout, Essstörungen, Zwänge, PTBS, Persönlichkeitsstörungen, Impulsskontrollstörungen, dissoziative Störungen, Selbstwertthematiken u.a.).

      Generell gibt es jedoch bei Patienten mit Trauma-Vorgeschichte und/oder schwieriger Kindheit oft eine ‚Set-Point‘-Verstellung der Reizschwelle. Das bedeutet, dass die Reizschwelle durch die erlittenen Traumata bzw. die Kindheit sehr nach unten gesenkt wurde und die Patienten sehr viel empfindlicher für alle Reizungen sind. Dies macht auch Sinn – denn Trauma-Patienten oder Patienten, die in der Kindheit stets auf der Hut vor Elternteilen sein mussten, sind vorwiegend (ohne Verarbeitung der Traumata) damit beschäftigt, Ausschau nach möglicher drohender Wiederholung zu halten und sind daher stets in alle Richtungen hoch wachsam (auch noch als Erwachsene)! Auch haben diese Menschen dadurch bedingt meist als Anpassungsleistung einen enorm hohen emotionalen Intelligenzquotienten und sind auch sehr weit im Leben gekommen.

      Die erhöhte Wachsamkeit und die verstärkte Verarbeitungskapazität von Reizen wird in den Gehirnen von Menschen mit Trauma-Vorgeschichte durch eine erhöhte Basis-Ausschüttung (=Set-Point-Verstellung) von Noradrenalin, dem ‚Wachsamkeits-Neurotransmitter‘ bewirkt und stellt eine Adaptationsleistung des Gehirns dar, um das Individuum vor erneuter Traumatisierung zu schützen und – im drohenden Fall – nächstes Mal schneller den Alarmzustand auslösen und fliehen zu können.

      Somit hat Dein Kommentar nun bei mir – als gelernte Biologin mit Schwerpunkt Genetik und Stoffwechsel und inzwischen auch Psycho- und Traumatherapeutin – nochmal die innere Forscher-Frage angeregt, ob die Hochsensibilität des Patienten, der vor mir sitzt, tatsächlich genetisch bedingt ist oder doch Trauma-bedingt? Das zu untersuchen, wird für mich sehr interessant sein!

      Vielen Dank dafür und liebe Grüße,
      Nicole Teschner

  2. Hallo Nicole,

    vielen Dank für die ausführliche und informative Antwort. Es gibt in der Praxis wohl tatsächlich die Unterscheidung, dass zum einen Hochsensibilität in vielen Fällen genetisch bedingt ist, allerdings hochsensible Menschen nicht durch Genetik sondern erst seit einem Trauma hochsensibel geworden sind – wie du ja auch schon geschrieben hast.

    Ich habe da 3 Beiträge für dich, die evtl. als Start in diese Themen-Kombi hilfreich sein könnten:

    http://www.hochsensibilitaet.ch/content/e11213/e11810/index_ger.html

    http://hochsensibelsein.de/trauma-und-hochsensibilitaet/

    http://www.inga-dalhoff.de/blog/item/hochsensibilitaet-und-ihre-ursachen.html

    Viele Grüße und weiterhin viel Erfolg mit deinen Patienten,
    Julia

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