Verlorene Kindheit: Das gestrafte Kind – Verhaltensfolgen als Erwachsene

Kinder, die mit der Prügelstrafe aufwuchsen, erhielten als Kernaussage das Gefühl, dass sie ‚falsch seien‘ und sich verändern und anpassen müssen, um ‚überleben‘ zu können und die Bindung zu den Eltern und die damit erhoffte Liebe nicht zu verlieren.

Im fast ‚harmlosesten‘ Fall sind Kinder konsistent nur für bestimmte Verhaltensweisen körperlich bestraft worden. Dadurch hat das Kind gelernt: ‚das, was ich getan habe, war falsch‘

Es hat die durch Schläge gebranntmarkten Verhaltensweisen abgestellt, um den Eltern zu gefallen und weitere Schmerzen zu vermeiden. Es hat dadurch gelernt: ‚wenn ich genau dieses tue, dann geht es mir schlecht und ich bin selbst schuld, weil ich das getan habe (obwohl die Schuld für die Art der Bestrafung bei den Eltern liegt). Beispiele für die Verhaltensfolgen im Erwachsenenleben sind z.B.:

  • unerklärliche oder übertriebene Schuldgefühle
  • Wurde das Kind regelmäßig für Ungehorsam oder Aufbegehren geschlagen, wird es im Erwachsenenleben immer noch ein ungutes Gefühl haben, seinen eigenen Willen zu äußern, ihm zu folgen oder sich gegen Dinge aufzulehnen, Nein-zu-sagen etc.. Oder es wird solche ‚Unternehmungen‘ gar vollständig unterlassen, weil die alte unbewusste Angst vor der Bestrafung immer noch eine Auflehnung oder Ungehorsamkeit verhindert. Denn dies wurde damals tief und intensiv in der Kindheit negativ konditioniert. Auch wenn eine Verhaltensänderung gelingt, dann wird diese oft noch von den alten Schuldgefühlen begleitet und den unguten Gefühlen des kleinen – Strafe befürchtenden – Kindes, obwohl ein Aufbegehren in der Erwachsenensituation vielleicht gerechtfertigt ist.
  • Wurde z.B. gestraft bei ‚wenn Erwachsene sich unterhalten, hast du zu schweigen‘, dann wird es im Erwachsenenalter ein ungutes Gefühl mit Autoritäten haben oder überhaupt die eigene Meinung zu vertreten.
  • Wurde bei Disziplinlosigkeit gestraft, dann wird der Erwachsene immer noch mit Situationen und Schuldgefühlen zu kämpfen haben, auch wenn er nun durchaus undiszipliniert sein dürfte oder z.B. sich selbst oder andere(s) verstärkt kontrollieren.
  • usw.

Etwas Falsches zu tun erzeugt Schuldgefühle. Schwieriger ist es, wenn es inkonsistent oder häufig Prügel gab:

Wenn das Kind in Ihnen nicht nachvollziehen konnte, wann es Bestrafungen zu befürchten hat oder welche ‚Vergehen‘ es zu vermeiden hat oder wenn die schmerzhaften Bestrafungen sehr häufig und nicht mehr verstehbar waren, dann werden Sie den Rückschluss gezogen haben: ‚egal was ich tue, es ist falsch‘ und damit irgendwann in Ihrer Identität den Glauben entwickelt haben: ‚ich bin falsch‘.

Das Gefühl ‚ich bin falsch‘ kann drei schwerwiegende Metakonsequenzen haben:

1.       eine ‚erlernte Hilflosigkeit‘ (ein Begriff, den Martin Seligmann und Steven Maier geprägt haben, vgl. Wikipedia)

Personen verharren in schmerzhaften Situationen oder Umgebungen, weil sie in Ihrem Leben die Erfahrung gemacht haben, dass sie  ‚sowieso nichts ändern können‘. Die Folge davon ist mangelndes Engagement, etwas zum Positiven verändern zu wollen, leidvolles Ertragen unangenehmer Konsequenzen, Verharren in der Opferrolle, Gefühle von absoluter Hilflosig- und Hoffnungslosigkeit (bis hin zu Depressionen), Gefühle wie ‚zu schwach zu sein‘ oder ‚meine Gefühle zählen sowieso nicht‘ usw.

2.       und/oder: Schamgefühle

‚Ich bin falsch‘ erzeugt Scham und damit ebenso weitere, weitreichende Verhaltensänderungen. Die dadurch entstehende Vorstellung vom eigenen Ich ist sehr destruktiv und produziert sehr negative Emotionen, weil das gesamte Dasein nun in Frage gestellt wird und dadurch mehr oder weniger starke Verhaltensänderung und/oder körperliche Lähmung entstehen. Durch das Gefühl von ‚ich bin falsch‘ wird das eigene Ich vollständig negiert mit allen Eigenarten und es entstehen starke Ängste oder Trauer oder auch

  • Schüchternheit
  • Kontaktscheue
  • das Gefühl, nichts wert zu sein
  • das Gefühl, dass alle anderen mehr wert sind und man deswegen den anderen mehr gerecht werden muss als sich selbst
  • das Gefühl, dass der Wille der anderen mehr zählt als der eigene
  • Unsicherheit im Umgang mit anderen
  • Stammeln, Stottern, schnelles Erröten
  • eine Blockade, die Meinung (frei) zu äußern
  • sich nicht lebenswert zu fühlen
  • das Gefühl, ein Versager zu sein
  • sich selbst nicht zu mögen (‚so, wie ich bin, bin ich falsch‘)
  • die Unterdrückung eigener Gefühle
  • Antriebslosigkeit, Lähmungsgefühle
  • die Suche und Sehnsucht nach wahrer Liebe für das eigentliche Ich
  • Autoaggressionen (z.B. durch das Essverhalten, Selbstbestrafungsaktionen, wie zu viel arbeiten oder zu leisten, Selbstbekämpfungs-Verhalten in Form von Süchten, Ritzen, Drogenabusus usw.

3.       und/oder: Das Streben nach Perfektionismus

Aus inkonsistenten oder häufigen Bestrafungen entsteht auch der Wunsch nach Perfektionismus und perfektionistisches Verhalten: ‚wenn ich nichts falsch mache und es allen recht mache, geht es mir gut und mir kann mir nichts passieren‘. Somit wird gehofft, dass kein weiterer körperlicher oder emotionaler Schmerz durch Schläge oder Liebesentzug entsteht. Die Entwicklung von Perfektionismus ist ein Bewältigungsversuch und eine Form der Kompensation zur Vermeidung der unangenehmen, schmerzhaften Konsequenzen in der Kindheit. Dieses Verhalten überdauert die Kindheit und äußert sich als Erwachsener in

  • vorauseilendem Gehorsam  (um Bestrafungen zu vermeiden)
  • Überengagement, verstärkter Leistung
  • übertriebener Anpassung (‚damit es mir nicht wieder schlecht geht‘)
  • Kritikvermeidung und -unfähigkeit (die aber autoaggressiv wirkt)
  • sich verbiegen, damit man von anderen gewollt wird und diese zufrieden mit einem sind
  • sich stets selbst für das Nicht-Gelingen einer Sache die Schuld geben und durch eigenes Kompensieren das Gelingen herbeiführen wollen
  • Gefallsucht: möglichst viel tun, um anderen zu gefallen, weil Ablehnung gefürchtet und vermieden wird
  • enormes Status- und Machtstreben
  • es anderen beweisen zu wollen, besser zu sein

Diese Verhaltensänderungen führen letztendlich zu vielen neuen Problemen. Dadurch kommt es nicht selten auch zu den körperlichen Schwierigkeiten, die ich in  ‚Frühkindliche Missbrauchs- oder Gewalterfahrungen Teil I: körperliche Folgen als Erwachsene‘ beschrieben habe – als Ergebnis der Angst des inneren Kindes vor Bestrafungen oder Liebesentzug.

Hier schließt sich also der Kreis, wie aus körperlicher Misshandlung zunächst Verhaltensänderungen und letztendlich körperliche und/oder psychische Probleme entstehen können.

©Nicole Teschner – 2018

Foto: ©Yvonne Bogdanski photoxpress.com