Stoppt die Stigmatisierung: Vorsicht! Toxische Scham!

 

copyright: pathdoc, fotolia

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Der vorherige Artikel über die Gruppe Menschen, die sich nicht traut, auf ihre psychische Not aufmerksam zu machen und daher vielleicht sogar Suizid begeht, führt mich zu dem mächtigsten aller unangenehmen Gefühle: der Scham. Patienten die Scham zu nehmen, ist für gewöhnlich meine erste Aufgabe in der täglichen Praxis, wenn ein Patient neu zu mir kommt. Oft ist diese extrem stark und macht es dem Patienten zunächst unmöglich, sich mit den eigentlichen Themen hinter ihren Symptomen auseinander zu setzen.Aber warum ist Scham das am meisten ‚pathologische‘ Gefühl aller negativ erlebten Gefühle?

Während Gefühle wie Trauer, Wut, Aggression, Verachtung, Ekel, Angst etc. bereits massive Veränderungen im Erleben und im Verhalten der Patienten auslösen, ist Scham ein Gefühl, dass von seiner Wirkung her diesen noch weit überlegen ist: Unerlöst wirkt sie sich ‚hoch toxisch‘ auf die seelische Gesundheit aus. Wenn auch schon Trauer, Wut, Aggression, Verachtung, Ekel, Angst sehr verändernd wirken und auch Gefühle von Ohnmacht, Verzweiflung und Hilflosigkeit stark einschränkend sind: Scham führt die Liste der ungünstigen Gefühle bezüglich der ‚toxischen‘ Wirkung auf die Psyche an!

Um dies zu erklären, möchte ich für belastende Gefühle die dahinter verborgene Botschaft nennen:

So bedeutet z.B. aufkommende

  • Trauer: ‚mir ist etwas passiert, was ich nicht wollte…‘
  • Wut: ‚ich habe nicht das bekommen, was ich wollte…‘
  • Aggression: ‚ich muss mich gegen (…) wehren…‘
  • Angst: ‚ich muss hier weg!‘
  • Schuld: ‚ich habe etwas falsch gemacht…‘

Bei all diesen Gefühlen erkennt das Bewusstsein trotzdem jedoch, dass es potenziell noch Auswege gibt, die den Stress senken könnten:

  • Bei Trauer z.B.: ‚ich muss nächstes Mal verhindern, dass sich ähnliches wiederholt!‘
  • Bei Wut: ‚ich muss aufpassen, dass ich nächstes Mal ‚zu meinem Recht‘ komme!‘
  • Bei Aggression: ‚nächstes Mal werde ich mich (besser) wehren!‘
  • Bei Angst: ‚ich passe besser auf und vermeide es in Zukunft lieber!‘
  • Bei Schuld: ‚nächstes Mal mache ich es richtig (oder besser)!‘

Mit dem unbewussten Erkennen noch potenzieller Auswege entsteht trotz all dieser negativer Gefühle immer noch ein Funken Hoffnung, dass sich die Lage bald ändern bzw. bessern wird – und die Patienten spüren dies daran, dass es ihnen zwischendurch vorübergehend auch mal ein bisschen besser geht…

Bei Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verzweifelung ist die ‚Pathogenität‘ schon höher:

Denn die dahinter liegenden Botschaften bedeuten:

  • Ohnmacht: ‚ich muss es ertragen, ohne mich wehren (oder fliehen) zu können!‘ oder ‚ich bin machtlos!‘
  • Verzweifelung: ‚es ist aussichtslos!‘ oder ‚es wird sich niemals ändern!‘
  • Hilflosigkeit: ‚es gibt keine Hilfe für mich!‘

Durch die unbewusste Einschätzung, dass es wohl aktuell keinen Ausweg aus der Situation gibt, entsteht Stillstand und Hoffnungslosigkeit. D. h. die Menschen verharren quasi und warten ab, ob sich die Situation irgendwie wieder bessert (…by the way: erinnert Sie das an eine Depression?…)

Aufkommende Scham setzt jedoch in puncto ‚Pathogenität‘ noch eins drauf:

Denn während bei Gefühlen von Trauer, Wut, Aggression usw. zumindest noch Aktionismus in irgendeiner Form stattfindet und Menschen mitunter in einem Zustand der Aussichts- und Hoffnungslosigkeit lange bewegungslos verharren können, setzt Scham dagegen eine Negativ-Spirale in Gang, die zusehends mehr die Identität, die Zugehörigkeit zu den Mitmenschen und die geglaubte Daseinsberechtigung der Betroffenen bedroht:

Denn die verborgene Botschaft hinter der Scham ist: ‚ICH bin falsch!‘ und signalisiert: ‚ändere Dich sofort!‘

Zwar ist die Fähigkeit Scham zu fühlen evolutiv sehr nützlich (führt sie doch dazu, sich in Gruppen durch das Wahrnehmen von persönlichen Schwächen und deren Veränderung besser anpassen zu können, um so einen potenziellen Ausschluss aus der Gruppe zu verhindern und weiterhin deren größeren ‚Überlebensvorteil‘ nutzen zu können), doch wird dieses Gefühl höchst schädlich, wenn eine Selbständerung nicht möglich ist:

Wenn sich nämlich die Scham-auslösenden Parameter der persönlichen oder bewussten Kontrolle entziehen – wie es bei psychischen Symptomen meistens der Fall ist – und der Mensch alleine schon für das bloße Vorhandensein solcher Parameter verurteilt wird (Stigmatisierung!), entwickelt sich eine charakteristische, höchst-ungünstige Gedanken-Spirale, die bis zu Suizid-Fantasien und -handlungen reichen kann. Denn das unbewusste Denken ändert sich dabei in etwa wie folgt:

Wenn ‚ich falsch bin‘ (…nicht genüge…) und mich nicht ändern kann, bin ich eine Belastung für die Gruppe… und wahrscheinlich auch für die ganze Welt…besser wäre, es gäbe mich nicht mehr…

Somit entstehen durch nicht auflösbare Gefühle von großer Scham starke innere Spannungen, die allmählich unerträglich werden:

  • Im fast günstigeren Fall kann diese Spannung dann noch durch  zusätzliche ‚Übersprungs-Syndrome‘ reduziert werden: z.B. indem dann zu den bereits vorhandenen Symptomen noch ein Zwang oder Wahn oder eine Sucht entsteht und damit die Spannung pseudo-gelöst wird.
  • Im schwerwiegenden Fall entstehen jedoch Fantasien und Wünsche von ‚Selbstauflösung‘, um den nicht-lösbaren Scham-Konflikt zu beenden: d.h. es kommt zu passiven Todesfantasien, Todeswünschen, Todessehnsucht oder auch zu selbstschädigendem Verhalten oder aktiv suizidalen Handlungen.

Was bedeutet nun Stigmatisierung für Patienten mit psychischer Erkrankung?

Wenn psychische Erkrankungen oder Symptome stigmatisiert werden, dann fühlen sich Patienten ‚falsch‘ – es entsteht Scham. Die Scham lässt sich jedoch nicht  abbauen, da sich psychische Symptome, wie z.B. Depressionen, Ängste, Zwänge etc. nicht (oder noch nicht) willentlich abstellen oder kontrollieren lassen. Somit sind diese Menschen ihrer Scham hilflos ausgeliefert: sie wirkt sich toxisch aus und leitet zu dem bereits vorhandenen Schwierigkeiten eine ungünstige Entwicklung ein – mit negativen bis potenziell tödlichen Konsequenzen!

Wir alle können also Verantwortung für betroffene Menschen übernehmen und ihnen helfen, dass sich die Lage zumindest nicht verschlimmert, indem wir ihnen Verständnis für ihre psychische Erkrankung entgegenbringen und unvoreingenommen Unterstützung anbieten!

©Nicole Teschner 2015

Fotocopyright: pathdoc, fotolia

Niemand werfe den ersten Stein: keiner ist vor psychischen Erkrankungen gefeit!

Martin Ivask - Fotolia

Copyright: Martin Ivask – Fotolia

Es ist ganz und gar nicht so, dass es die klassische Persönlichkeit gibt, die geboren wird, um dann eines Tages unweigerlich an einer Depression, Ängsten, Zwängen, wahnhaften Störungen o.ä. zu erkranken.

Natürlich kommen wir mit unterschiedlicher genetischer Ausstattung auf die Welt, so dass wir mehr oder weniger anfällig für Stress und psychische Störungen sind. Dennoch bestimmt im großen Maße das, was wir nach unserer Geburt im Leben erleben, ob es zu psychischen Erkrankungen kommt oder eben nicht. Dieses Arbeits-Modell bezeichnet man auch als Vulnerabilitäts-Stress-Modell (übersetzt Anfälligkeits-Stress-Modell): Ist jemand von Geburt an durch seine Gene vulnerabler (anfälliger), wird er demnach eher oder schneller an einer psychischen Störung erkranken als jemand, der weniger anfällig ist.

Heißt das nun, dass nur die von Geburt an stress-anfälligeren Menschen eine psychische Störung entwickeln können und die anderen ‚damit raus‘ sind?

Nein! Denn es kann genauso jemanden treffen, der mit geringerer Anfälligkeit auf die Welt gekommen ist: Auch dieser kann an einer Depression oder wahnhaften Störung oder Ängsten, Zwängen, psychotischer Entgleisung o.ä. erkranken, denn

  1. gibt es prinzipiell die Möglichkeit im Laufe eines Lebens eine körperliche Störung zu entwickeln, die dann psychiatrische Symptome nach sich zieht: Solche körperlichen Ursachen können z.B. eine organische Funktionsstörung (z.B. der Leber oder Niere) sein, eine Verletzung des Gehirns (z.B. durch ein Schädel-Hirn-Trauma), eine latente Vergiftung durch toxische Substanzen (z.B. überhöhter Alkoholkonsum), Vitaminmangelzustände oder hormonelle Entgleisungen. Wenn diese Ursache durch einen Arzt erkannt und behoben wird, bessert sich die psychische Störung in der Regel jedoch wieder rasch. Und
  2. kann es sogar Menschen treffen, die körperlich völlig fit sind, noch niemals zuvor an einer psychischen Erkrankung gelitten haben und von Geburt an weniger anfällig für Stress sind (und ein recht stressarmes Leben geführt haben): Entscheidend ist einfach, was und wieviel im Leben dieses Menschen plötzlich passiert oder auf einmal wegbricht und wie stark diese Ereignisse die Person durchschütteln und in seiner Existenz und Persönlichkeit bedrohen!

Der Grund für diese allgemeine Anfälligkeit eines Menschen für psychiatrische Symptome liegt darin, dass unser Gehirn universellen Stress-Antwort-Mustern unterliegt, denen sich kein Mensch entziehen kann: plötzlicher Extremstress (wie durch ein traumatisches Erlebnis) oder genauso auch lange Zeit moderater ‚unlösbarer und unabänderlicher‘  Stress mit Ohnmachtsgefühlen, der sich addiert, wirken beide sehr schädlich auf das Gehirn und verändern die Gehirn-chemischen Abläufe in spezifischer Weise. Die Folgen davon sind zunächst verändertes Verhalten, Fühlen und Erleben und bei unverändert anhaltendem Stress sogar die Entwicklung einer psychischen Störung.

Dazu ein fiktives Beispiel, wie es zu einer solchen Entwicklung kommen könnte:

Ein kerngesunder Mann, der recht entspannt durch Kindheit und Jugend gekommen ist und immer sehr gelassen war, glücklich in einer Beziehung mit der Liebe seines Lebens lebt und ein 10jähriges Kind und eine gute Arbeitsstelle hat, möge mit seiner Familie eines Tages auf einen Ausflug fahren. Plötzlich – aus unerklärlichen Gründen – kommt er als Fahrer des Wagens von der Fahrbahn ab und fährt gegen einen Baum. Durch diesen Unfall sterben seine Frau und sein Kind und er überlebt – allerdings querschnittsgelähmt. Dadurch ist er fortan auch nicht mehr in der Lage, seinen ehemaligen Job auszuüben…

Was glauben Sie, wie lange wird es brauchen, bis dieser Mann Symptome einer Depression (‚eines dauerhaften Bedrückt-sein‘) zeigen würde? Und würden Sie es nachvollziehen können, wenn er Ihnen dann sagen würde, er sehe überhaupt keinen Sinn mehr in seinem Leben?? Wahrscheinlich würden Sie mit ihm mitfühlen und sofort verstehen, dass der Autounfall bei diesem Mann einen gravierenden ‚Unfall an seiner Psyche‘ mit sich gebracht hat, der nun in Form einer Depression sichtbar wird…

Zugegeben: dies ist sicherlich ein extremes Beispiel, wie ein Mensch plötzlich z.B. in eine Depression geraten kann, aber solche Dinge passieren…

Für den einen muss halt erst sehr viel passieren, bis es zu derartigen Symptomen kommt (‚es muss halt sehr dick kommen‘), bei anderen, die schon mehr gelitten haben im Leben und dies (noch) nicht verarbeitet haben (‚dessen Rucksack voll ist‘), reichen manchmal auch schon geringere Anlässe.  Wenn ein Mensch (ohne körperliche Ursache) jedoch psychiatrische Symptome entwickelt, dann gibt es auch immer ‚gute Gründe‘ hinter den Symptomen – auch wenn die Betroffenen selbst den dahinter liegenden Gründen oft über ihre Sprache noch keinen Ausdruck verleihen können!

Wichtig ist hier festzuhalten: frei von Depressionen, Ängsten, Zwanghaftigkeiten o.ä. zu sein, ist keine Garantie dafür, dass es auch so bleiben wird – und wenn dies ‚nur‘ eines Tages durch eine organische Fehlfunktion ausgelöst sein kann!

Darum: niemand werfe den ersten Stein und verurteile Menschen mit Symptomen einer psychischen Störung – denn wahrscheinlich kennen Sie nicht die ganze Geschichte dahinter. Und wie schon bemerkt: sogar Sie könnten unverhofft betroffen sein und werden sich dann sicher auch Verständnis wünschen!

©Nicole Teschner, 2015

Fotocopyright: Martin Ivask – Fotolia