Es ist soweit: das Burnout-Special kommt!

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Es ist endlich soweit: mein Burnout-Special folgt in den nächsten Wochen auf diesem Blog und ist gerade hoch-akut in der Entstehung!

Angefangen mit meiner Sicht auf die allseits herrschenden Kontroversen, ob denn nun Burnout tatsächlich vom Job kommt oder nicht und ob ein Burnout nur eine verkappte Depression ist oder nicht, möchte ich anschließend einen intensiven Einblick in die beruflichen und auch persönlichen Ursachen geben, die zum Burnout führen: ich werde über die wichtigsten beruflichen Energiekiller schreiben und über die – für mich deutlich bedeutenderen – apokalyptischen Reiter des Burnout.

Ebenso möchte ich mich auch der Burnout-Entstehung widmen – allerdings nur in Kurzform, da unheimlich viele Modelle bereits nieder geschrieben wurden und darüber inzwischen viel bekannt geworden ist.

Was mir weiterhin ein großes, wichtiges Anliegen sein wird, ist eine Übersicht über das Symptomspektrum zu geben und aufzuklären, was ein Burnout ist und was nicht. Denn inzwischen wird der Begriff ‚Burnout‘ doch sehr inflationär verwendet. Manchmal ist es richtig, manchmal aber auch nicht – hier möchte ich noch ein wenig mehr Klarheit schaffen!

Abschließend noch eine Betrachtung anhand der Arbeiten des von mir sehr bewunderten Aaron Antonovsky, der die Suche nach den Ursachen für Gesundheit (und in der Umkehr für Krankheit und auch drohendem Burnout) sehr einfach auf den Punkt gebracht hat. Lassen Sie sich überraschen und stellen Sie sich dann selbst auf die Probe, ob Sie dort richtig sind, wo Sie aktuell Ihre Brötchen jagen!

Sollten Sie hin und wieder selbst einmal darüber nachgedacht haben, ob Sie ein Burnout-Kandidat sind: ich verspreche Ihnen, Sie werden sich in dem Falle an der einen oder anderen Stelle garantiert wieder finden!

Ich freue mich also schon auf die einzelnen Veröffentlichungen und über Ihr fleißiges Mitlesen!

©Nicole Teschner, 2015

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Stoppt die Stigmatisierung: Vorsicht! Toxische Scham!

 

copyright: pathdoc, fotolia

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Der vorherige Artikel über die Gruppe Menschen, die sich nicht traut, auf ihre psychische Not aufmerksam zu machen und daher vielleicht sogar Suizid begeht, führt mich zu dem mächtigsten aller unangenehmen Gefühle: der Scham. Patienten die Scham zu nehmen, ist für gewöhnlich meine erste Aufgabe in der täglichen Praxis, wenn ein Patient neu zu mir kommt. Oft ist diese extrem stark und macht es dem Patienten zunächst unmöglich, sich mit den eigentlichen Themen hinter ihren Symptomen auseinander zu setzen.Aber warum ist Scham das am meisten ‚pathologische‘ Gefühl aller negativ erlebten Gefühle?

Während Gefühle wie Trauer, Wut, Aggression, Verachtung, Ekel, Angst etc. bereits massive Veränderungen im Erleben und im Verhalten der Patienten auslösen, ist Scham ein Gefühl, dass von seiner Wirkung her diesen noch weit überlegen ist: Unerlöst wirkt sie sich ‚hoch toxisch‘ auf die seelische Gesundheit aus. Wenn auch schon Trauer, Wut, Aggression, Verachtung, Ekel, Angst sehr verändernd wirken und auch Gefühle von Ohnmacht, Verzweiflung und Hilflosigkeit stark einschränkend sind: Scham führt die Liste der ungünstigen Gefühle bezüglich der ‚toxischen‘ Wirkung auf die Psyche an!

Um dies zu erklären, möchte ich für belastende Gefühle die dahinter verborgene Botschaft nennen:

So bedeutet z.B. aufkommende

  • Trauer: ‚mir ist etwas passiert, was ich nicht wollte…‘
  • Wut: ‚ich habe nicht das bekommen, was ich wollte…‘
  • Aggression: ‚ich muss mich gegen (…) wehren…‘
  • Angst: ‚ich muss hier weg!‘
  • Schuld: ‚ich habe etwas falsch gemacht…‘

Bei all diesen Gefühlen erkennt das Bewusstsein trotzdem jedoch, dass es potenziell noch Auswege gibt, die den Stress senken könnten:

  • Bei Trauer z.B.: ‚ich muss nächstes Mal verhindern, dass sich ähnliches wiederholt!‘
  • Bei Wut: ‚ich muss aufpassen, dass ich nächstes Mal ‚zu meinem Recht‘ komme!‘
  • Bei Aggression: ‚nächstes Mal werde ich mich (besser) wehren!‘
  • Bei Angst: ‚ich passe besser auf und vermeide es in Zukunft lieber!‘
  • Bei Schuld: ‚nächstes Mal mache ich es richtig (oder besser)!‘

Mit dem unbewussten Erkennen noch potenzieller Auswege entsteht trotz all dieser negativer Gefühle immer noch ein Funken Hoffnung, dass sich die Lage bald ändern bzw. bessern wird – und die Patienten spüren dies daran, dass es ihnen zwischendurch vorübergehend auch mal ein bisschen besser geht…

Bei Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verzweifelung ist die ‚Pathogenität‘ schon höher:

Denn die dahinter liegenden Botschaften bedeuten:

  • Ohnmacht: ‚ich muss es ertragen, ohne mich wehren (oder fliehen) zu können!‘ oder ‚ich bin machtlos!‘
  • Verzweifelung: ‚es ist aussichtslos!‘ oder ‚es wird sich niemals ändern!‘
  • Hilflosigkeit: ‚es gibt keine Hilfe für mich!‘

Durch die unbewusste Einschätzung, dass es wohl aktuell keinen Ausweg aus der Situation gibt, entsteht Stillstand und Hoffnungslosigkeit. D. h. die Menschen verharren quasi und warten ab, ob sich die Situation irgendwie wieder bessert (…by the way: erinnert Sie das an eine Depression?…)

Aufkommende Scham setzt jedoch in puncto ‚Pathogenität‘ noch eins drauf:

Denn während bei Gefühlen von Trauer, Wut, Aggression usw. zumindest noch Aktionismus in irgendeiner Form stattfindet und Menschen mitunter in einem Zustand der Aussichts- und Hoffnungslosigkeit lange bewegungslos verharren können, setzt Scham dagegen eine Negativ-Spirale in Gang, die zusehends mehr die Identität, die Zugehörigkeit zu den Mitmenschen und die geglaubte Daseinsberechtigung der Betroffenen bedroht:

Denn die verborgene Botschaft hinter der Scham ist: ‚ICH bin falsch!‘ und signalisiert: ‚ändere Dich sofort!‘

Zwar ist die Fähigkeit Scham zu fühlen evolutiv sehr nützlich (führt sie doch dazu, sich in Gruppen durch das Wahrnehmen von persönlichen Schwächen und deren Veränderung besser anpassen zu können, um so einen potenziellen Ausschluss aus der Gruppe zu verhindern und weiterhin deren größeren ‚Überlebensvorteil‘ nutzen zu können), doch wird dieses Gefühl höchst schädlich, wenn eine Selbständerung nicht möglich ist:

Wenn sich nämlich die Scham-auslösenden Parameter der persönlichen oder bewussten Kontrolle entziehen – wie es bei psychischen Symptomen meistens der Fall ist – und der Mensch alleine schon für das bloße Vorhandensein solcher Parameter verurteilt wird (Stigmatisierung!), entwickelt sich eine charakteristische, höchst-ungünstige Gedanken-Spirale, die bis zu Suizid-Fantasien und -handlungen reichen kann. Denn das unbewusste Denken ändert sich dabei in etwa wie folgt:

Wenn ‚ich falsch bin‘ (…nicht genüge…) und mich nicht ändern kann, bin ich eine Belastung für die Gruppe… und wahrscheinlich auch für die ganze Welt…besser wäre, es gäbe mich nicht mehr…

Somit entstehen durch nicht auflösbare Gefühle von großer Scham starke innere Spannungen, die allmählich unerträglich werden:

  • Im fast günstigeren Fall kann diese Spannung dann noch durch  zusätzliche ‚Übersprungs-Syndrome‘ reduziert werden: z.B. indem dann zu den bereits vorhandenen Symptomen noch ein Zwang oder Wahn oder eine Sucht entsteht und damit die Spannung pseudo-gelöst wird.
  • Im schwerwiegenden Fall entstehen jedoch Fantasien und Wünsche von ‚Selbstauflösung‘, um den nicht-lösbaren Scham-Konflikt zu beenden: d.h. es kommt zu passiven Todesfantasien, Todeswünschen, Todessehnsucht oder auch zu selbstschädigendem Verhalten oder aktiv suizidalen Handlungen.

Was bedeutet nun Stigmatisierung für Patienten mit psychischer Erkrankung?

Wenn psychische Erkrankungen oder Symptome stigmatisiert werden, dann fühlen sich Patienten ‚falsch‘ – es entsteht Scham. Die Scham lässt sich jedoch nicht  abbauen, da sich psychische Symptome, wie z.B. Depressionen, Ängste, Zwänge etc. nicht (oder noch nicht) willentlich abstellen oder kontrollieren lassen. Somit sind diese Menschen ihrer Scham hilflos ausgeliefert: sie wirkt sich toxisch aus und leitet zu dem bereits vorhandenen Schwierigkeiten eine ungünstige Entwicklung ein – mit negativen bis potenziell tödlichen Konsequenzen!

Wir alle können also Verantwortung für betroffene Menschen übernehmen und ihnen helfen, dass sich die Lage zumindest nicht verschlimmert, indem wir ihnen Verständnis für ihre psychische Erkrankung entgegenbringen und unvoreingenommen Unterstützung anbieten!

©Nicole Teschner 2015

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Der wohl gewichtigste Grund, warum Stigmatisierung unterbleiben sollte

copyright: joef – fotolia

Suizide sind ein schwieriges Thema.

Leider suizidieren sich weltweit immer noch zu viele Menschen. Für Hinterbliebene ist jeder Suizid sehr belastend. Denn immer bleibt neben der entstandenen Lücke durch das Fehlen des verstorbenen Menschen auch die Frage nach dem ‚warum hat er/sie das getan?‘ zurück.

Manchmal suizidieren sich Menschen, ohne dass das Umfeld vorher Hinweise bekommt, die ein Eingreifen und Hilfestellung vielleicht noch möglich gemacht hätte. Hier kommt dann zu der Frage nach dem ‚warum‘  auch noch die belastende Frage nach dem: ‚Warum hat er/sie nichts gesagt? Ich  hätte doch helfen wollen/können!‘ hinzu.

Sicherlich haben Suizidenten ganz verschiedene Motive, warum sie sich das Leben nehmen und auf welche Art und Weise sie das tun. Und manche Suizidenten planen ihren Suizid absichtlich so, dass das Umfeld vorher keine Hinweise auf ihre Absichten bekommt –eben damit niemand sie davon abhalten kann.

Doch es gibt auch Suizidenten, die vorher Hinweise geben: Oft ‚nur leise‘, am Rande, unauffällig:

Wenn wir überlegen, warum dies wohl ‚nur leise‘, ‚am Rande‘, ‚unauffällig‘, ‚zaghaft‘ geschieht, finden wir sicherlich auch wieder verschiedene Motive:

Manchmal reicht vielleicht die Kraft bei diesen Menschen einfach nicht mehr aus, um ‚lauter‘ auf ihre drängenden Probleme aufmerksam zu machen. Manchmal könnte es so sein, dass sie sich von ihren schüchternen oder nur noch schwachen Hilferufen sowieso keine Hilfe mehr erhoffen, weil sie in der Vergangenheit genau diese Erfahrung gemacht und inzwischen resigniert haben….

Doch manchmal könnte es auch so sein, dass dieses ‚nur leise Hinweise geben‘ deswegen ‚leise‘ geschieht, weil die Suizidgefährdeten ‚Angst vor Zurückweisung‘, vor ‚belächelt-werden‘, vor ‚sowieso nicht ernst-genommen werden‘ haben…und um ihre eh schon als sehr verfahren erlebte Lage durch die befürchtete Gleichgültigkeit/das  Unverständnis von Mitmenschen nicht noch schlimmer zu machen, versuchen sie eben nur ganz vorsichtig – eben leise! – auf ihre Lage und ihre Verzweifelung aufmerksam zu machen…

Was wäre wohl, wenn wir diesen Menschen – wie klein oder wie groß dieser Anteil auch immer sein mag – das Vertrauen geben könnten, nicht belächelt, nicht stigmatisiert und nicht abgewiesen, sondern ernst genommen und verstanden zu werden, sodass sie ihre Absichten ‚lauter‘ äußern könnten, um Hilfe zu bekommen?

Wie viele Suizide könnten wir in Zukunft wohl einfach dadurch verhindern, dass wir einen allgemein akzeptierten und verstandenen und hilfreichen Boden für psychisch Notleidende bieten?

Dies ist der wohl gewichtigste Grund, warum es absolut notwendig ist, jeden Menschen mit psychischen Erkrankungen und Symptomen ernst zu nehmen und zu verstehen und endlich die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen zu beenden! Abwertende Bemerkungen sollten stets unterbleiben und ALLE sollten sich bemühen, Betroffenen das Vertrauen zu geben, auch ‚laut‘ auf sich und ihre Probleme aufmerksam machen zu dürfen!

…denn denken Sie immer daran: Sie wissen nie, wer und wie viele ihrer Lieben sich aktuell ebenfalls nicht traut, ‚laut‘ nach Hilfe zu rufen und daher schamhaft schweigt!

©Nicole Teschner, 2015

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Niemand werfe den ersten Stein: keiner ist vor psychischen Erkrankungen gefeit!

Martin Ivask - Fotolia

Copyright: Martin Ivask – Fotolia

Es ist ganz und gar nicht so, dass es die klassische Persönlichkeit gibt, die geboren wird, um dann eines Tages unweigerlich an einer Depression, Ängsten, Zwängen, wahnhaften Störungen o.ä. zu erkranken.

Natürlich kommen wir mit unterschiedlicher genetischer Ausstattung auf die Welt, so dass wir mehr oder weniger anfällig für Stress und psychische Störungen sind. Dennoch bestimmt im großen Maße das, was wir nach unserer Geburt im Leben erleben, ob es zu psychischen Erkrankungen kommt oder eben nicht. Dieses Arbeits-Modell bezeichnet man auch als Vulnerabilitäts-Stress-Modell (übersetzt Anfälligkeits-Stress-Modell): Ist jemand von Geburt an durch seine Gene vulnerabler (anfälliger), wird er demnach eher oder schneller an einer psychischen Störung erkranken als jemand, der weniger anfällig ist.

Heißt das nun, dass nur die von Geburt an stress-anfälligeren Menschen eine psychische Störung entwickeln können und die anderen ‚damit raus‘ sind?

Nein! Denn es kann genauso jemanden treffen, der mit geringerer Anfälligkeit auf die Welt gekommen ist: Auch dieser kann an einer Depression oder wahnhaften Störung oder Ängsten, Zwängen, psychotischer Entgleisung o.ä. erkranken, denn

  1. gibt es prinzipiell die Möglichkeit im Laufe eines Lebens eine körperliche Störung zu entwickeln, die dann psychiatrische Symptome nach sich zieht: Solche körperlichen Ursachen können z.B. eine organische Funktionsstörung (z.B. der Leber oder Niere) sein, eine Verletzung des Gehirns (z.B. durch ein Schädel-Hirn-Trauma), eine latente Vergiftung durch toxische Substanzen (z.B. überhöhter Alkoholkonsum), Vitaminmangelzustände oder hormonelle Entgleisungen. Wenn diese Ursache durch einen Arzt erkannt und behoben wird, bessert sich die psychische Störung in der Regel jedoch wieder rasch. Und
  2. kann es sogar Menschen treffen, die körperlich völlig fit sind, noch niemals zuvor an einer psychischen Erkrankung gelitten haben und von Geburt an weniger anfällig für Stress sind (und ein recht stressarmes Leben geführt haben): Entscheidend ist einfach, was und wieviel im Leben dieses Menschen plötzlich passiert oder auf einmal wegbricht und wie stark diese Ereignisse die Person durchschütteln und in seiner Existenz und Persönlichkeit bedrohen!

Der Grund für diese allgemeine Anfälligkeit eines Menschen für psychiatrische Symptome liegt darin, dass unser Gehirn universellen Stress-Antwort-Mustern unterliegt, denen sich kein Mensch entziehen kann: plötzlicher Extremstress (wie durch ein traumatisches Erlebnis) oder genauso auch lange Zeit moderater ‚unlösbarer und unabänderlicher‘  Stress mit Ohnmachtsgefühlen, der sich addiert, wirken beide sehr schädlich auf das Gehirn und verändern die Gehirn-chemischen Abläufe in spezifischer Weise. Die Folgen davon sind zunächst verändertes Verhalten, Fühlen und Erleben und bei unverändert anhaltendem Stress sogar die Entwicklung einer psychischen Störung.

Dazu ein fiktives Beispiel, wie es zu einer solchen Entwicklung kommen könnte:

Ein kerngesunder Mann, der recht entspannt durch Kindheit und Jugend gekommen ist und immer sehr gelassen war, glücklich in einer Beziehung mit der Liebe seines Lebens lebt und ein 10jähriges Kind und eine gute Arbeitsstelle hat, möge mit seiner Familie eines Tages auf einen Ausflug fahren. Plötzlich – aus unerklärlichen Gründen – kommt er als Fahrer des Wagens von der Fahrbahn ab und fährt gegen einen Baum. Durch diesen Unfall sterben seine Frau und sein Kind und er überlebt – allerdings querschnittsgelähmt. Dadurch ist er fortan auch nicht mehr in der Lage, seinen ehemaligen Job auszuüben…

Was glauben Sie, wie lange wird es brauchen, bis dieser Mann Symptome einer Depression (‚eines dauerhaften Bedrückt-sein‘) zeigen würde? Und würden Sie es nachvollziehen können, wenn er Ihnen dann sagen würde, er sehe überhaupt keinen Sinn mehr in seinem Leben?? Wahrscheinlich würden Sie mit ihm mitfühlen und sofort verstehen, dass der Autounfall bei diesem Mann einen gravierenden ‚Unfall an seiner Psyche‘ mit sich gebracht hat, der nun in Form einer Depression sichtbar wird…

Zugegeben: dies ist sicherlich ein extremes Beispiel, wie ein Mensch plötzlich z.B. in eine Depression geraten kann, aber solche Dinge passieren…

Für den einen muss halt erst sehr viel passieren, bis es zu derartigen Symptomen kommt (‚es muss halt sehr dick kommen‘), bei anderen, die schon mehr gelitten haben im Leben und dies (noch) nicht verarbeitet haben (‚dessen Rucksack voll ist‘), reichen manchmal auch schon geringere Anlässe.  Wenn ein Mensch (ohne körperliche Ursache) jedoch psychiatrische Symptome entwickelt, dann gibt es auch immer ‚gute Gründe‘ hinter den Symptomen – auch wenn die Betroffenen selbst den dahinter liegenden Gründen oft über ihre Sprache noch keinen Ausdruck verleihen können!

Wichtig ist hier festzuhalten: frei von Depressionen, Ängsten, Zwanghaftigkeiten o.ä. zu sein, ist keine Garantie dafür, dass es auch so bleiben wird – und wenn dies ‚nur‘ eines Tages durch eine organische Fehlfunktion ausgelöst sein kann!

Darum: niemand werfe den ersten Stein und verurteile Menschen mit Symptomen einer psychischen Störung – denn wahrscheinlich kennen Sie nicht die ganze Geschichte dahinter. Und wie schon bemerkt: sogar Sie könnten unverhofft betroffen sein und werden sich dann sicher auch Verständnis wünschen!

©Nicole Teschner, 2015

Fotocopyright: Martin Ivask – Fotolia

Neue Serie: Psychische Erkrankung – stoppt die Stigmatisierung!

Man thinking in small chair

Paul Clarke – photoxpress.com

Ich hatte unlängst eine Diskussion: Mein Gesprächspartner vertrat die Meinung, dass Menschen, die einmal psychisch krank waren auch immer psychisch krank bleiben würden bzw. wieder werden…(nebenbei bemerkt: er ist nicht ‚vom Fach‘, sondern ganz einfach ein Mensch, der sich seine (falsche!) Meinung über Menschen mit psychischen Erkrankungen gebildet hatte…). Ich widersprach ihm sehr und sagte ihm, dass er damit eine große Halbwissenheit zu psychischen Erkrankungen hat, komplett in Schubladen denkt und mit falschen Vorurteilen durchs Leben läuft.

Und auch, wenn ich ihm seine Aussage komplett widerlegen konnte, bin ich doch immer noch geschockt, wie viele Menschen heute noch nicht verstanden haben, dass es nicht nur unfair und gemein ist, Menschen mit psychischen Erkrankungen zu stigmatisieren, sondern auch kontraproduktiven Zusatzstress für diese ohnehin schon sehr belasteten Menschen bedeutet.

Und daher habe ich mich nun entschieden, in den nächsten Wochen hier eine Artikelserie zu veröffentlichen, um das Verständnis für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu verbessern und Betroffenen und Angehörigen zu helfen, ihre Lage als weniger aussichtslos zu betrachten, als Menschen mit derartigen Meinungen sie glauben machen (oder machen wollen).

Ich möchte mit den Artikeln in den nächsten Wochen verdeutlichen, dass

  • niemand den ersten Stein werfen möge…denn keiner ist vor psychischen Erkrankungen gefeit (und zwar auch nicht vor den rein psychisch bedingten psychischen Erkrankungen!)
  • psychische Erkrankungen immer eine oder mehrere Ursachen haben – nur sind diese manchmal nicht so offensichtlich wie in den Fällen bei psychischen Störungen, wo der Arzt eine körperliche Ursache nachweisen und im Idealfall auch beheben kann,
  • es nicht bedeutet, wenn man einmal durch psychische Ursache psychisch erkrankt war, dass das Schicksal damit unheilvoll besiegelt ist und man immer psychisch erkrankt bleiben wird oder immer wieder erkranken muss (eine gute Auf- und Bearbeitung der psychisch bedingten psychischen Störung vorausgesetzt)
  • dass es keinen Grund für Scham bei Betroffenen gibt

Ich hoffe, dass ich einen guten Beitrag damit gegen die immer noch herrschende Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen leisten kann und Diskussionen, wie ich sie führen musste, damit seltener werden!

Ich wünsche mir sehr, dass Sie die kommende Serie fleißig mitlesen werden, viele Erkenntnisse für sich selbst und die Menschen in Ihrer Umgebung sammeln, eine andere Sicht auf psychische Erkrankungen und Menschen mit psychischen Erkrankungen bekommen werden und die Artikel fleißig verbreiten und teilen werden!

Herzlichst,

Nicole Teschner

 

©Nicole Teschner, 2015

 

 

Was Sie über Panikattacken wissen sollten und warum Panikattacken auch auf einen Burnout hinweisen können – Teil II – Ursachen und Ausblick

photo-copyright Alexey Klementiev, photoxpress.com

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Raus aus der Panikspirale – es lohnt sich!

Je länger ein Mensch unter Panikattacken gelitten hat, – insbesondere, wenn diese unberechenbar unspezifisch und häufig auftreten (sich also inzwischen eine  vollständige Panikstörung gebildet hat), desto mehr Energie erfordert es natürlich, um aus der gelernten Panikspirale und dem Angst-Kreislauf wieder herauszukommen.

Daher ist es unbedingt wichtig, so früh wie möglich zu akzeptieren, dass die Ärzte recht haben könnten, dass keine körperliche Ursache zu finden und der Ursprung in der eigenen Psyche zu suchen ist: also nach bestehenden, unbearbeiteten und oft unbewussten Konflikten oder länger andauernden oder traumatischen Belastungen zu forschen ist.

Natürlich mag es zunächst schwierig erscheinen, diese Suche anzutreten. Dennoch lohnt es sich sehr, dem Kreislauf wieder zu entkommen, denn

  • im Gegensatz zu definitiv unheilbaren Krankheiten ist die Prognose einer Panikstörung bei guter Mitarbeit und guter Therapie sehr gut. D. h. es gibt viele Beispiele von Betroffenen, die sich aus einer solchen Störung komplett wieder herausgearbeitet haben und irgendwann einen guten, oft sogar verbesserten normalen Lebenszustand erreicht haben – frei von Panikanfällen. Andere schwerwiegende Krankheiten haben keine vergleichbar gute Prognose und so sollte es doch enorm motivieren, sich auf den ’Rückweg’ aus dieser Störung zu machen!
  • viele Ex-Betroffene sagen sogar rückbetrachtend nach der Überwindung ihrer Panikstörung, dass diese sich für sie – trotz allem – als ein großes Geschenk erwiesen hat: denn ohne diese Zäsur wären sie niemals angefangen, ihr Lebens zu sortieren, zu verändern, unbearbeitete Konflikte in Angriff zu nehmen oder sich längst fälligen Themen zu stellen. Und diese Menschen sind sich sehr wohl dessen bewusst, dass sie statt der Panikstörung langfristig auch ganz andere Notbremsen hätten bekommen können – dann jedoch mit sehr viel schwerwiegenderen Konsequenzen, wie z. B. einem Herzinfarkt…
  • es zählt jeder Tag, um sich einer Panikstörung zu stellen: denn je länger eine solche Störung besteht, desto langwieriger ist natürlich der Prozess, um sie wieder loszuwerden. Insbesondere dann, wenn es erst einmal zu einem vollständigen sozialen Rückzug gekommen ist, die Vermeidung von alles und jedem und die enorme Hilfsbedürftigkeit als unumstößliche Tatsachen im Denken und Verhalten verankert sind, erfordert es sehr viel mehr Kraft, um eine Panikstörung zu überwinden (dennoch ist dies sehr gut möglich!). Deswegen gilt: je eher sich Betroffene damit intensiv auseinandersetzen, um die Störung zu überwinden, desto leichter!
  • mit fortschreitender Symptomatik können sich außerdem weitere ungute Phänomene einschleichen: vollständige Antriebslosigkeit (’klappt ja doch nicht‘), Selbstzweifel und Schuldgefühle gegenüber denjenigen, die einem helfen müssen, damit man überhaupt zurecht kommt. Oft gesellt sich dann zur Panikstörung auch noch eine Depression.
  • da es sich um ein er-lerntes Verhalten handelt, kann es auch wieder ver-lernt werden (auch wenn die Störung schon länger besteht). Die Voraussetzung ist, dass die Ursachen für die anfangs aufgetretenen Panikattacken bearbeitet, verarbeitet, verändert oder abgestellt werden (z.B. Problemkontexte, die einen erhöhten Stresslevel verursachen).

Somit sollte das erste Ziel also die liebevolle Akzeptanz der Tatsache sein, dass die eigene Psyche die Ursache für die auftretenden Panikattacken ist (nachdem körperliche Ursachen natürlich ausgeschlossen wurden!).

Der zweite Schritt besteht daran, sich auf die Suche zu machen, was nun Ursache(n) oder Auslöser für die Panikattacken bzw. Panikstörung sein könnte(n):

Und hier ist quasi alles in Betracht zu ziehen, was das Gehirn so sehr stresst oder gestresst hat oder an traumatische Vorerfahrungen erinnert (- auch wenn das die Suche nicht unbedingt vereinfacht):

  • So könnte z.B. die erste aufgetretene Panikattacke – vielleicht auch nur marginal – an sehr emotional belastende Erfahrungen der Kindheit (oder allgemein der Vergangenheit) erinnert haben, die nicht verarbeitet wurden, aus emotionalem Schutz verdrängt wurden oder schlichtweg nicht mehr erinnert werden (oder nur noch bruchstückhaft, indem man z.B. immer wieder eine gewisse Farbe wahrnimmt, einen Geruch, ein Geräusch oder ein Bild, welche direkt auf die damalige Situation hinweisen).
  • Auch Traumata können die Ursache von Panikattacken sein: 50% der Patienten, die eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, entwickeln auch Panikattacken! Bedenken Sie auch, dass für Kinderseelen sehr viel ‘geringere’ Auslöser traumatisch gewirkt haben könnten: z.B. der erste Kindergartentag ohne ’Mama’, ein Unfall in der frühen Kindheit etc.
  • Auch könnten die auftretenden Panikattacken eine unbewusste Schutzreaktion sein, um eine ‘körperliche Ausrede’ zu haben, um notwendige Veränderungen nicht machen zu können (müssen): Veränderungen, denen man sich dann unbewusst nicht gewachsen fühlen würde, zu denen man sich unbewusst genötigt fühlt, die man unbewusst ablehnt oder für die man glaubt, keine Kraft und Nervenstärke zu haben (z.B. eine Hochzeit einzugehen, den Partner mit einer Trennung zu konfrontieren oder sie selbst zu bewältigen, einen neuen Job mit Beförderung anzutreten etc.).
  • Die auftretenden Symptome könnten ebenso darauf aufmerksam machen, dass man schlichtweg ‘auf dem (emotionalem) Holzweg’ ist – also erst einmal innehalten und sortieren muss: etwas bildlich erklärt wäre die Panikstörung dann der Ausdruck des Krieges zwischen Kopf und Herz: da der Kopf nicht auf die Regungen des Herzens hört und sich permanent über die Wünsche des Herzens hinwegsetzt, koaliert das Herz schließlich mit dem Körper, um sich trotzdem durchzusetzen. Mithilfe der massiven körperlichen Reaktionen werden ab sofort sämtliche Versuche des Kopfes durch ‚körperliche Indisponiertheit‘ torpediert, die entgegen der Regungen des Herzens sind.
  • Und der kleine Zwillingsbruder der letzten beiden ist, dass Panikattacken verhindern könnten, verdrängte Gefühle ins Bewusstsein kommen zu lassen, die schmerzhaft sind oder unterdrückt werden und bei bewusstem Fühlen zu einer Veränderung der Einstellung und gegenwärtigen Lebensverhältnisse zwingen würden. Auch starke, unbewusste Ängste, wie  z.B. enorme (unbewusste) Versagensangst, große Existenzangst, Angst vor neuer, erhöhter Verantwortung usw. sind prädestiniert Panikattacken auszulösen.
  • Eine der sicherlich schwierigsten Erkenntnis ist die, dass Panikattacken deswegen bestehen, weil es einen heimlichen Gewinn gibt: z.B. eine längst fällige Trennung vom Partner nicht machen zu können, weil man ja ohne Partner nun nicht mehr zurechtkommen würde, dass sich der Partner wegen der Hilfsbedürftigkeit seines Panik-Partners nicht trennen kann, man sich durch Trennung mit Problemen wie Angst vor dem Alleinsein oder der Kränkung des Partners und der Suche nach einem neuen Partner auseinandersetzen müsste usw. Aber es könnte so auch unbewusst verhindert werden, dass man die berufliche Karriereleiter weiter empor-‚katapultiert‘ würde…
  • Und ‘last-but-not-least’ könnten Panikattacken ein Indiz für einen handfesten Burnoutprozess sein: denn anhaltender chronischer Stress, chronischer Ärger oder anhaltende Gefühle persönlicher Bedrohung (wie sie in einem Burnout-Prozess auftreten) führen zu verstärkter Freisetzung des Neurotransmitters Noradrenalin. Ausgehend vom Locus coerulus im Gehirn sorgt diese verstärkte Noradrenalin-Freisetzung im Frontalhirn für zunehmend verstärkte Wachsam- und Ängstlichkeit (besonders bei starken unbewussten oder sogar realen Ängsten, wie z.B. der Angst zu versagen oder die Existenz zu verlieren usw.): dadurch wird letztendlich der Sollwert für bedrohlich-einzustufende Reize und auszulösende panische Reaktionen (Panikattacken) so weit nach unten verschoben, dass plötzlich schon minimale, subtile Ängste oder Frustrationen oder etwas stärkere Reize – wie z.B. ein Bedrängungsgefühl im Fahrstuhl oder zu viel Koffein – vom Gehirn als ‘stark bedrohlich’ gewertet und mit intensiver Panik beantwortet werden. In dieser Sollwert-Veränderung als Folge lang anhaltender Belastung (Stress) mit anschließender Entwicklung von Panikattacken kann man also die Querverbindung zu einem Burnout ziehen. Und die Bildung von Panikattacken ist dabei sogar als sehr glücklich zu betrachten: denn so wird der Körper bereits – wie in einem letzten Aufbäumen – vor dem  klassischen, absoluten Lähmungszustand eines Burnouts aus dem Verkehr gezogen, damit er sich erholen muss!

Die Ursachen für Panikattacken können also individuell ganz verschieden sein!

Bei der Suche der Ursachen nach obiger Liste gibt es noch einen ganz wichtigen Punkt zu beachten:

Sollten Sie ein Betroffener sein und bei einem der Punkte spontan gedacht haben: ‘Quatsch! Das ganz und gar nicht!’ (oder ähnlich), dann sollten Sie diesen Punkt für sich besonders unter die Lupe nehmen: es könnte sich nämlich genau um Ihren blinden Fleck handeln, der Ihren Körper dazu veranlasst, Ihnen Panikattacken zu senden, damit Sie dort endlich einmal hinsehen…;)

Doch ganz gleich welche der Ursachen nun in Betracht kommen:

  1. Um aus einer Panikspirale wieder herauszukommen, ist es wichtig, mit Spezialisten die Ursachen zu ergründen und integrierend zu bearbeiten. (Bei Traumata oder einer Posttraumatischen Belastungsstörungen sollten spezielle Traumatherapeuten zu Rate gezogen werden, damit erst das Trauma bearbeitet wird, bevor mit einer Verhaltenstherapie (s.u.) begonnen werden kann).
  2. Erst danach sollten – falls nötig – Lebensanpassungen vorgenommen werden!
  3. Eine zusätzliche medikamentöse Stützung kann mit einem behandelnden Arzt begonnen werden. Dies ist in schweren und bereits lange chronischen Fällen sogar mitunter erfolgversprechender.
  4. Und im letzten Schritt sollten Betroffene sich nach Auseinandersetzung mit den Ursachen verhaltenstherapeutisch helfen lassen, um das lang etablierte Vermeidungsverhalten wieder zu verlernen und Schritt für Schritt wieder Vertrauen in die eigenen Körperfähigkeiten zu bekommen.

Dies insgesamt kann letztendlich zum angestrebten Ziel führen: ein Leben ohne Panik!

Ó Nicole Teschner, 2013