Was Sie über Panikattacken wissen sollten und warum Panikattacken auch auf einen Burnout hinweisen können – Teil II – Ursachen und Ausblick

photo-copyright Alexey Klementiev, photoxpress.com
photo-copyright Alexey Klementiev, photoxpress.com

Raus aus der Panikspirale – es lohnt sich!

Je länger ein Mensch unter Panikattacken gelitten hat, – insbesondere, wenn diese unberechenbar unspezifisch und häufig auftreten (sich also inzwischen eine  vollständige Panikstörung gebildet hat), desto mehr Energie erfordert es natürlich, um aus der gelernten Panikspirale und dem Angst-Kreislauf wieder herauszukommen.

Daher ist es unbedingt wichtig, so früh wie möglich zu akzeptieren, dass die Ärzte recht haben könnten, dass keine körperliche Ursache zu finden und der Ursprung in der eigenen Psyche zu suchen ist: also nach bestehenden, unbearbeiteten und oft unbewussten Konflikten oder länger andauernden oder traumatischen Belastungen zu forschen ist.

Natürlich mag es zunächst schwierig erscheinen, diese Suche anzutreten. Dennoch lohnt es sich sehr, dem Kreislauf wieder zu entkommen, denn

  • im Gegensatz zu definitiv unheilbaren Krankheiten ist die Prognose einer Panikstörung bei guter Mitarbeit und guter Therapie sehr gut. D. h. es gibt viele Beispiele von Betroffenen, die sich aus einer solchen Störung komplett wieder herausgearbeitet haben und irgendwann einen guten, oft sogar verbesserten normalen Lebenszustand erreicht haben – frei von Panikanfällen. Andere schwerwiegende Krankheiten haben keine vergleichbar gute Prognose und so sollte es doch enorm motivieren, sich auf den ’Rückweg’ aus dieser Störung zu machen!
  • viele Ex-Betroffene sagen sogar rückbetrachtend nach der Überwindung ihrer Panikstörung, dass diese sich für sie – trotz allem – als ein großes Geschenk erwiesen hat: denn ohne diese Zäsur wären sie niemals angefangen, ihr Lebens zu sortieren, zu verändern, unbearbeitete Konflikte in Angriff zu nehmen oder sich längst fälligen Themen zu stellen. Und diese Menschen sind sich sehr wohl dessen bewusst, dass sie statt der Panikstörung langfristig auch ganz andere Notbremsen hätten bekommen können – dann jedoch mit sehr viel schwerwiegenderen Konsequenzen, wie z. B. einem Herzinfarkt…
  • es zählt jeder Tag, um sich einer Panikstörung zu stellen: denn je länger eine solche Störung besteht, desto langwieriger ist natürlich der Prozess, um sie wieder loszuwerden. Insbesondere dann, wenn es erst einmal zu einem vollständigen sozialen Rückzug gekommen ist, die Vermeidung von alles und jedem und die enorme Hilfsbedürftigkeit als unumstößliche Tatsachen im Denken und Verhalten verankert sind, erfordert es sehr viel mehr Kraft, um eine Panikstörung zu überwinden (dennoch ist dies sehr gut möglich!). Deswegen gilt: je eher sich Betroffene damit intensiv auseinandersetzen, um die Störung zu überwinden, desto leichter!
  • mit fortschreitender Symptomatik können sich außerdem weitere ungute Phänomene einschleichen: vollständige Antriebslosigkeit (’klappt ja doch nicht‘), Selbstzweifel und Schuldgefühle gegenüber denjenigen, die einem helfen müssen, damit man überhaupt zurecht kommt. Oft gesellt sich dann zur Panikstörung auch noch eine Depression.
  • da es sich um ein er-lerntes Verhalten handelt, kann es auch wieder ver-lernt werden (auch wenn die Störung schon länger besteht). Die Voraussetzung ist, dass die Ursachen für die anfangs aufgetretenen Panikattacken bearbeitet, verarbeitet, verändert oder abgestellt werden (z.B. Problemkontexte, die einen erhöhten Stresslevel verursachen).

Somit sollte das erste Ziel also die liebevolle Akzeptanz der Tatsache sein, dass die eigene Psyche die Ursache für die auftretenden Panikattacken ist (nachdem körperliche Ursachen natürlich ausgeschlossen wurden!).

Der zweite Schritt besteht daran, sich auf die Suche zu machen, was nun Ursache(n) oder Auslöser für die Panikattacken bzw. Panikstörung sein könnte(n):

Und hier ist quasi alles in Betracht zu ziehen, was das Gehirn so sehr stresst oder gestresst hat oder an traumatische Vorerfahrungen erinnert (- auch wenn das die Suche nicht unbedingt vereinfacht):

  • So könnte z.B. die erste aufgetretene Panikattacke – vielleicht auch nur marginal – an sehr emotional belastende Erfahrungen der Kindheit (oder allgemein der Vergangenheit) erinnert haben, die nicht verarbeitet wurden, aus emotionalem Schutz verdrängt wurden oder schlichtweg nicht mehr erinnert werden (oder nur noch bruchstückhaft, indem man z.B. immer wieder eine gewisse Farbe wahrnimmt, einen Geruch, ein Geräusch oder ein Bild, welche direkt auf die damalige Situation hinweisen).
  • Auch Traumata können die Ursache von Panikattacken sein: 50% der Patienten, die eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, entwickeln auch Panikattacken! Bedenken Sie auch, dass für Kinderseelen sehr viel ‘geringere’ Auslöser traumatisch gewirkt haben könnten: z.B. der erste Kindergartentag ohne ’Mama’, ein Unfall in der frühen Kindheit etc.
  • Auch könnten die auftretenden Panikattacken eine unbewusste Schutzreaktion sein, um eine ‘körperliche Ausrede’ zu haben, um notwendige Veränderungen nicht machen zu können (müssen): Veränderungen, denen man sich dann unbewusst nicht gewachsen fühlen würde, zu denen man sich unbewusst genötigt fühlt, die man unbewusst ablehnt oder für die man glaubt, keine Kraft und Nervenstärke zu haben (z.B. eine Hochzeit einzugehen, den Partner mit einer Trennung zu konfrontieren oder sie selbst zu bewältigen, einen neuen Job mit Beförderung anzutreten etc.).
  • Die auftretenden Symptome könnten ebenso darauf aufmerksam machen, dass man schlichtweg ‘auf dem (emotionalem) Holzweg’ ist – also erst einmal innehalten und sortieren muss: etwas bildlich erklärt wäre die Panikstörung dann der Ausdruck des Krieges zwischen Kopf und Herz: da der Kopf nicht auf die Regungen des Herzens hört und sich permanent über die Wünsche des Herzens hinwegsetzt, koaliert das Herz schließlich mit dem Körper, um sich trotzdem durchzusetzen. Mithilfe der massiven körperlichen Reaktionen werden ab sofort sämtliche Versuche des Kopfes durch ‚körperliche Indisponiertheit‘ torpediert, die entgegen der Regungen des Herzens sind.
  • Und der kleine Zwillingsbruder der letzten beiden ist, dass Panikattacken verhindern könnten, verdrängte Gefühle ins Bewusstsein kommen zu lassen, die schmerzhaft sind oder unterdrückt werden und bei bewusstem Fühlen zu einer Veränderung der Einstellung und gegenwärtigen Lebensverhältnisse zwingen würden. Auch starke, unbewusste Ängste, wie  z.B. enorme (unbewusste) Versagensangst, große Existenzangst, Angst vor neuer, erhöhter Verantwortung usw. sind prädestiniert Panikattacken auszulösen.
  • Eine der sicherlich schwierigsten Erkenntnis ist die, dass Panikattacken deswegen bestehen, weil es einen heimlichen Gewinn gibt: z.B. eine längst fällige Trennung vom Partner nicht machen zu können, weil man ja ohne Partner nun nicht mehr zurechtkommen würde, dass sich der Partner wegen der Hilfsbedürftigkeit seines Panik-Partners nicht trennen kann, man sich durch Trennung mit Problemen wie Angst vor dem Alleinsein oder der Kränkung des Partners und der Suche nach einem neuen Partner auseinandersetzen müsste usw. Aber es könnte so auch unbewusst verhindert werden, dass man die berufliche Karriereleiter weiter empor-‚katapultiert‘ würde…
  • Und ‘last-but-not-least’ könnten Panikattacken ein Indiz für einen handfesten Burnoutprozess sein: denn anhaltender chronischer Stress, chronischer Ärger oder anhaltende Gefühle persönlicher Bedrohung (wie sie in einem Burnout-Prozess auftreten) führen zu verstärkter Freisetzung des Neurotransmitters Noradrenalin. Ausgehend vom Locus coerulus im Gehirn sorgt diese verstärkte Noradrenalin-Freisetzung im Frontalhirn für zunehmend verstärkte Wachsam- und Ängstlichkeit (besonders bei starken unbewussten oder sogar realen Ängsten, wie z.B. der Angst zu versagen oder die Existenz zu verlieren usw.): dadurch wird letztendlich der Sollwert für bedrohlich-einzustufende Reize und auszulösende panische Reaktionen (Panikattacken) so weit nach unten verschoben, dass plötzlich schon minimale, subtile Ängste oder Frustrationen oder etwas stärkere Reize – wie z.B. ein Bedrängungsgefühl im Fahrstuhl oder zu viel Koffein – vom Gehirn als ‘stark bedrohlich’ gewertet und mit intensiver Panik beantwortet werden. In dieser Sollwert-Veränderung als Folge lang anhaltender Belastung (Stress) mit anschließender Entwicklung von Panikattacken kann man also die Querverbindung zu einem Burnout ziehen. Und die Bildung von Panikattacken ist dabei sogar als sehr glücklich zu betrachten: denn so wird der Körper bereits – wie in einem letzten Aufbäumen – vor dem  klassischen, absoluten Lähmungszustand eines Burnouts aus dem Verkehr gezogen, damit er sich erholen muss!

Die Ursachen für Panikattacken können also individuell ganz verschieden sein!

Bei der Suche der Ursachen nach obiger Liste gibt es noch einen ganz wichtigen Punkt zu beachten:

Sollten Sie ein Betroffener sein und bei einem der Punkte spontan gedacht haben: ‘Quatsch! Das ganz und gar nicht!’ (oder ähnlich), dann sollten Sie diesen Punkt für sich besonders unter die Lupe nehmen: es könnte sich nämlich genau um Ihren blinden Fleck handeln, der Ihren Körper dazu veranlasst, Ihnen Panikattacken zu senden, damit Sie dort endlich einmal hinsehen…;)

Doch ganz gleich welche der Ursachen nun in Betracht kommen:

  1. Um aus einer Panikspirale wieder herauszukommen, ist es wichtig, mit Spezialisten die Ursachen zu ergründen und integrierend zu bearbeiten. (Bei Traumata oder einer Posttraumatischen Belastungsstörungen sollten spezielle Traumatherapeuten zu Rate gezogen werden, damit erst das Trauma bearbeitet wird, bevor mit einer Verhaltenstherapie (s.u.) begonnen werden kann).
  2. Erst danach sollten – falls nötig – Lebensanpassungen vorgenommen werden!
  3. Eine zusätzliche medikamentöse Stützung kann mit einem behandelnden Arzt begonnen werden. Dies ist in schweren und bereits lange chronischen Fällen sogar mitunter erfolgversprechender.
  4. Und im letzten Schritt sollten Betroffene sich nach Auseinandersetzung mit den Ursachen verhaltenstherapeutisch helfen lassen, um das lang etablierte Vermeidungsverhalten wieder zu verlernen und Schritt für Schritt wieder Vertrauen in die eigenen Körperfähigkeiten zu bekommen.

Dies insgesamt kann letztendlich zum angestrebten Ziel führen: ein Leben ohne Panik!

Ó Nicole Teschner, 2013

Was Sie über Panikattacken wissen sollten und warum Panikattacken auch auf einen Burnout hinweisen können – Teil I

Foto: copyright chrisharvey, photoxpress

Panikattacken sind extreme (und äußerst ‘beeindruckende‘) Körperphänomene: Eine starke Erregung des körperlichen Alarmsystems (des Sympathikus) löst eine ganze Kaskade Adrenalin-bedingter körperlicher Akutsymptome aus. Panikattacken werden als massives, einschneidendes Körpererlebnis wahrgenommen – oft sogar mit einer intensiven Angst ’jetzt’ zu sterben oder die Kontrolle zu verlieren.

Die Symptome sind massiv:

Auf der körperlichen Ebene bewirken Panikattacken Symptome wie starkes Herzklopfen oder Herzrasen, Schweißausbrüche und Schwitzen, starkes Zittern, Gefühlsstörungen in Armen und Beinen (wie Kribbeln, “Ameisenlaufen”, Brennen oder Taubheitsgefühle), Mundtrockenheit, Atembeschwerden (das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen,) Brust- oder Bauchschmerzen, Beklemmungsgefühle, Übelkeit – und diese mehr oder weniger alle zusammen. Jedoch können auch einige der Symptome im Vordergrund stehen.

Auf der psychischen Ebene treten gleichzeitig Schwindelgefühle, Gefühle von Benommenheit oder Schwäche, Gefühle, dass der eigene Körper fremd erscheint oder macht was er will (Depersonalisation), Gefühle, dass die Umgebung fremd erscheint (Derealisation) und starke Ängste auf, wie: “gleich bekomme ich einen Herzinfarkt!”, “ich breche gleich zusammen!”, “ich falle gleich um!” – (d.h. die Angst zu sterben) – oder “ich flippe gleich aus!”, “gleich weiß ich nicht mehr was ich tue!”, “gleich mache ich etwas, was andere verletzen könnte!” – (Angst, die Kontrolle zu verlieren).

Häufig enden Panikattacken demnach auch mit dem Notruf eines Arztes oder Rettungswagens – wobei meist bei deren Ankunft die Panikattacke bereits wieder abgeklungen ist und sich dann keine körperliche Ursache für den Moment finden lässt.

Panikattacken können entstehen

  • als normale Reaktion des Körpers auf enorm schwere, belastende und lebensbedrohliche Situationen
  • als Folge körperlicher Ursachen oder
  • aufgrund psychischer Ursachen.

Lag als Auslöser eine bedrohliche Situation vor, dann ist mit Beenden und guter Verarbeitung der Situation (und wenn sie sich nicht wiederholt) in der Regel mit keinen weiteren Panikattacken zu rechnen.

Gibt es körperliche Ursachen, dann werden diese Ursachen recht zügig durch den behandelnden Notarzt oder eine gründliche körperliche Untersuchung aufgespürt und die Ursachen behandelt. Dadurch wird es schon bald zu keinen weiteren Panikanfällen kommen. (Hier sei schon vorweggenommen, dass körperliche Verursacher von Panikattacken mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell gefunden und entsprechend therapiert werden!)

Die dritte Möglichkeit ist die, die wohl am häufigsten auftritt: Panikattacken treten plötzlich und unerwartet in einer vergleichsweise harmlosen Situation das erste Mal auf. Wenn die beiden ersten Gründe bereits ausgeschlossen wurden, dann  sollten Betroffene möglichst zügig in liebevoller Selbstakzeptanz die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es psychische Gründe hat, die die Panikattacke ausgelöst haben. Eine solche Einsicht kann natürlich erst einmal viel inneren Widerstand hervorrufen. Denn damit liegt der Auslöser in der eigenen Verantwortung und es ist Nach- und Umdenken, sowie wahrscheinlich Lebensveränderung nötig. Doch den wahren Ursachen auf den Grund zu gehen und sich dementsprechend zu verändern lohnt sich, wie ich im nächsten Artikel noch beschreiben werde.

Es sind meist normale und eigentlich harmlose Situationen, wo Panikattacken das erste Mal auftreten,

und das meist urplötzlich, ohne Vorankündigung, quasi wie aus heiterem Himmel. Diese harmlosen Situationen lösen normalerweise keine Ängste aus (und haben bei den Betroffenen bislang auch nie zuvor Ängste ausgelöst): dies kann z.B. in der Öffentlichkeit, in Kaufhäusern, in Menschenmengen von Veranstaltungen, in Fahrstühlen oder anderen Situationen sein, wo subjektiv ein Verlassen der Situation gerade unangebracht oder unmöglich erscheint (z.B. auch Meetings oder Vorträge). Wenn dann eine Panikattacke auftritt, verlassen Betroffene aufgrund der schon beschriebenen massiven körperlichen und geistigen Reaktionen fluchtartig die Situation und das Ganze endet nicht selten mit dem Ruf eines Notarztes.

Nach dem Abklingen der Symptome und dem Negativ-Befund des gerufenen Arztes und auch der Folgeuntersuchungen wird dem Betroffenen sehr schnell selbst klar, dass Körperreaktionen und Situation ganz und gar nicht zusammenpassten und es sich hier um keine ‘normale’ und verständliche Reaktion des eigenen Körpers gehandelt hat.

Und damit bleibt diese erste Panikattacke auch nie folgenlos, sondern führt zu charakteristischen Verhaltensänderungen der Betroffenen:

  • Da es sich bei Panikattacken um so tiefgreifende Erlebnisse handelt, werden ab sofort gleiche und ähnliche Situationen – wie bei der ersten Panikattacke – vermieden, um der Gefahr einer erneuten Panikattacke vorzubeugen. Dies kann manchmal durchaus gelingen (z.B. wenn es nur darum geht, Fahrstühle zu meiden). Dies Vermeidungsverhalten führt jedoch zu einer Zunahme der inneren Anspannung, weil nun immer ein drohendes Damokles-Schwert über die Betroffenen schwebt, ob sie nicht doch bald erneut einen solchen ‘Anfall’ erleben werden. Damit entwickeln sie eine Angst vor erneuten Panikattacken: also eine Angst-vor-der-Angst, die zusammen mit exzessivem Vermeidungsverhalten das Auftreten erneuter Panikattacken begünstigt.
  • Außerdem beginnen Betroffene als direkte Reaktion auf die erste Panikattacke ihren Körper sehr viel genauer zu beobachten (da ihnen ja scheinbar bislang ‘irgendetwas’ entgangen sein muss, wenn der Körper aus heiterem Himmel mit derart heftigen Reaktionen unvorhersehbar reagiert!): sie horchen ab jetzt permanent in sich hinein und spüren akribisch den körperlichen Prozessen nach, ob dort etwas ’Verdächtiges’ wahrzunehmen ist und um – falls ja – rechtzeitig ‘Gegenmaßnahmen’ ergreifen zu können (wie sich sofort Hilfe suchen oder schnell zum Arzt fahren o.ä,). Ein Beispiel, wie sich eine komplette Panikspirale nach einer ersten Panikattacke so in Gang setzen kann: während der inneren Selbstbeobachtung wird z.B. unbewusst der Atem angehalten, wodurch das Gehirn weniger Sauerstoff bekommt und dem Betroffenen in der Folge leicht ‘schwarz-vor-Augen’ oder schwindelig wird. Diese nun wahrgenommenen Symptome führen zu erneuter, starker Angst und es kann zur Entstehung der nächsten Panikattacke kommen: diesmal eventuell, wo der Betroffene sogar nur still und alleine vor seinem Laptop sitzt und nicht in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Es kommt zur weiteren Verstärkung von Selbstbeobachtung und Vermeidung und damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit noch weitere Panikattacken zu erleiden. Damit wäre dann ein Teufelskreis geschlossen. (Natürlich ist eine genaue Körperbeobachtung zunächst durchaus sinnvoll, um eine tatsächlich körperliche Störung auch wahrzunehmen –  hier sei aber betont: zunächst! Denn diese Selbstbeobachtung mit möglichen anschließenden Fehlinterpretationen normaler Körperprozesse nimmt bei Betroffenen schnell zwanghafte Züge an).
  • Und als dritte Folge einer ersten auftretenden Panikattacke fangen Betroffene oft an – gerade wegen der Heftigkeit der Panikattacken – intensiv nachzugrübeln, ob sich die Ärzte nicht doch geirrt haben könnten und es doch eine körperliche, bislang noch unentdeckte Ursache für die Panikattacken gibt. Völlig richtig ist es dabei Panikattacken einmal umfangreich von verschiedenen Ärzten abklären zu lassen (vom Allgemeinarzt/Internisten, Neurologen/Psychiater). Die Gefahr besteht jedoch, dass Betroffene die Tendenz entwickeln, auch mehreren Ärzten keinen Glauben zu schenken und immer überzeugter werden,  dass es sich bei den Körperphänomenen in Wahrheit um eine bislang noch unentdeckte Krankheit handele – auch als Folge der großen Hilflosigkeit und Verzweifelung. Es kann dadurch zu einer Odyssee an Arztbesuchen kommen, einem regelrechten Arzt-Tourismus (Ärzte-hopping), um dem inneren Gefühl ‘verrückt zu werden‘ und der sich rapide verstärkenden Angst zu entkommen.

Durch diese Verhaltensänderungen entwickelt sich nicht selten aus einer einzeln aufgetretenen Panikattacke eine komplette Panikstörung:

Durch exzessives Vermeidungsverhalten, der Angst-vor-der Angst und der übertriebenen Selbstbeobachtung entsteht oft eine starke Angstspirale, die sich selbst verstärkt und schließlich zu einer Generalisierung führt: Panikattacken treten dann immer häufiger, unspezifisch und unkontrolliert in vielen neuen Situationen auf, die mit der ursprünglichen Erstsituation überhaupt keine Ähnlichkeit mehr haben – oder sogar in eher ruhigen Situationen.

Damit hat sich schließlich eine vollständige Panikstörung gebildet, die immer mehr Vermeidungsverhalten und noch verstärktere Innenschau und Selbstbeobachtung mit sich bringt – und damit das Anspannungs- und Angstniveau extrem heraufsetzt.

Letztendlich meiden Betroffene dann fast alles. D. h. es kann zu extremen sozialem Rückzug kommen, damit möglichst alle potenziellen Panik-Auslöser eliminieret werden. Zeitgleich wird der Betroffene immer hilfsbedürftiger, weil das Vertrauen in den eigenen Körper immer mehr verschwindet und der gewohnte Tagesablauf und normale Tagesanforderungen, wie z.B. Einkaufen gehen, alleine nicht mehr bewältigt werden können, weil sie das Haus kaum noch verlassen können.

Für Außenstehende ist das enorme Vermeidungsverhalten, die Arzt-Odyssee und die intensive Weigerung, den Ärzten endlich Glauben zu schenken, dass die eigene Psyche die Ursache für die Probleme sein soll, schwer nachzuvollziehen. Doch es wird verständlich, wenn man darüber nachdenkt:

Zunächst einmal sind die mit Panikattacken verbundenen körperlichen Reaktionen sehr massiv und die Betroffenen haben ein echtes Gefühl, gleich sterben zu müssen. Das verunsichert sehr und lässt Betroffene lange glauben, dass solche gewaltige Reaktionen nicht auf ‘bloße‘ Überlastung und Konflikte zurückzuführen sein können – es erscheint den Betroffenen schlicht absurd! Daher suchen sie lange nach potenziellen externen Verursachern und geben nur schweren Herzens die Hoffnung darauf auf.

Auch haben die Betroffenen einen enormen Leidensdruck wegen der völligen  Unkontrollierbarkeit des Körpers und der zunehmenden Isolierung und Hilfsbedürftigkeit. Eine normale Lebensbewältigung ist nicht mehr möglich. Und damit steigt natürlich der innigliche Wunsch, dass diese Phänomene endlich aufhören. Und der idealste und schnellste Weg wäre da eine ‘gute Tablette oder Medizin‘, die das ‘außer-Kontrolle-sein’ des eigenen Körpers schlagartig beenden möge und die Verlässlichkeit des Körpers wieder herstellt. Daher bringt jeder neue Arztbesuch auch erneute Hoffnung.

Und Betroffene spüren auch, dass eine rein psychische Ursache bedeutet, dass erst eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst notwendig ist und sich dann daraus auch noch fällige Lebensanpassungen ergeben könnten. Und diese können an sich schon beängstigend sein! Auch lassen sich solche Veränderungen nicht mal eben ‘über-Nacht’ erzielen, so dass bis zur ‘Erledigung’ noch mit zahlreichen weiteren Panikanfällen zu rechnen ist.

Zuletzt sei auch daran gedacht, dass Panikattacken mit intensiven Gefühlen des ‘eventuell-gleich-sterben-müssens’ sehr traumatisierende Erlebnisse sind. So dürfte jedem wohl verständlich werden, dass Betroffene jeden Strohhalm ergreifen (und jede mögliche Vermeidungsstrategie), um sich vor weiteren solchen Erfahrungen zu schützen.

Es wundert vor diesem Hintergrund also nicht, wenn Betroffene sich immer mehr isolieren und alle Ärzte der Umgebung bereits konsultiert haben.

Warum es sich jedoch lohnt, aus der Panikspirale herauszukommen, wo die psychischen Ursachen zu suchen sind und in welchem Zusammenhang Panikattacken mit Burnout stehen, beschreibe ich im Folgeteil dieses Artikels.

Ó Nicole Teschner – 2013

Wer oder was stresst denn da? Teil II: Cortisol – die Stresswache des Körpers

©drx photoxpress.com
©drx photoxpress.com

Forscher haben einen interessanten Versuch unternommen: Sie haben an Fallschirmspringern kurz vor dem ersten Sprung und an mehreren Zeitpunkten während und nach dem ersten Sprung die Blutwerte von Adrenalin und Cortisol – dem Langzeit-Stress-Hormon – gemessen. Die Testpersonen reagierten erwartungsgemäß mit einem Adrenalinanstieg, bevor Sie springen sollten, währenddessen und auch kurze Zeit noch danach. Doch schon sehr bald nach dem Sprung normalisierten sich die Adrenalinwerte wieder auf ein Normalmaß. Interessant war jedoch bei diesem Versuch, dass die Werte des anderen Stresshormons – Cortisol – erst 30 min nach dem Sprung ihren Höchstwert erreichten und dann noch längere Zeit erhöht blieben, obwohl die ‚Bedrohung‘ schon längst vorbei war.

Dies erscheint paradox und es drängt sich die Frage auf, warum uns die Natur scheinbar mit einem ‚Alarmsystem‘ ausgestattet hat, das viel zu spät reagiert?

Doch kein Merkmal eines Lebewesen bleibt über die Evolution erhalten, wenn es nicht einen Sinn hätte: Und so hat auch die Ausschüttung von Cortisol zwei wichtige Funktionen: Cortisol bewirkt einerseits im Gehirn durch Umbaumaßnahmen, dass die erlebte Stresssituation gespeichert und das Verhalten verändert und angepasst wird (quasi als Memofunktion) und andererseits verändert Cortisol den Körper, damit dieser ab sofort besser auf neuen Stress vorbereitet ist:

  • Dazu verstärkt Cortisol den Abbau körpereigener Eiweiße und Fette, die dann in Glucose (Zucker) umgebaut und das dann im Blut bereitgestellt wird, um genügend Energie im Falle eines erneuten ‚Sympathikus-Alarms‘ zur Verfügung zu haben
  • Glucose, die bereits im Blut vorhanden ist, wird weniger im Gewebe gespeichert, sodass zusätzlich mehr Blutzucker für den nächsten Notfall vorhanden ist
  • das Immunsystem wird durch Cortisol heruntergefahren, um keine Energien für körperliche Abwehrreaktionen zu verschwenden (im Gegensatz dazu erhöht die Sympathikus-Reaktion vorübergehend die Abwehrkräfte!)
  • die Ausschüttung von Cortisol senkt das Fortpflanzungsbedürfnis oder produziert sogar Unfruchtbarkeit, da der Organismus gerade nur für sein eigenes Überleben kämpft
  • der Sauerstofftransport im Körper wird verbessert, indem Cortisol die Bildung von roten Blutkörperchen anregt und gleichzeitig den Blutdruck erhöht
  • und es verbleiben mehr Blutfette im Blut, die zur Not erneut in Zucker umgewandelt werden oder als Reparaturhilfsstoffe bei beschädigtem Gewebe dienen können.

Bleibt der Stress bestehen und die Cortisolwerte anhaltend hoch, führt dies letztendlich zu langfristigen körperlichen Fehl-Veränderungen und Krankheiten:

  • Es kommt zu Gewichtsverlust und gleichzeitig zu einer Zunahme des Heißhungers nach Süßem. Dadurch verliert der Körper einerseits an Gewicht, dieses wird aber durch verstärkte Anlagerung von charakteristischem Bauchfett wieder ausgeglichen. Es kommt außerdem zu einer Fehlsteuerung des Insulin-Haushaltes mit einer möglichen Entwicklung hin zu einem metabolischen Syndrom oder Diabetes.
  • Die erhöhten Cholesterin-Werte im Blut können zu einer Verstopfung der Adern durch Ablagerungen des Blutfettes an den Innenseiten der Gefäßwände führen. Wenn dadurch z.B. ein Herzkranzgefäß verstopft, kommt es zu Symptomen der ‚Herzenge‘ (Angina pectoris), im schlimmsten Fall sogar zu einem Herzinfarkt. Die Entstehung dieser Krankheiten wird außerdem dadurch begünstigt, dass der zu hohe Cortisolspiegel die Entwicklung von Bluthochdruck fördert, der wiederum das Risiko für Herzerkrankungen erhöht.
  • Durch das reduzierte Immunsystem ist ein gestresster Mensch sehr infektanfällig und es kommt zu vielen Banalinfektionen, wie z.B. Schnupfen, Nebenhöhlenentzündungen usw.
  • Darüber hinaus kann die dauerhafte Muskulaturverspannung zu entzündlichen Muskelerkrankungen und in der Folge sogar zu chronischen Schmerzerkrankungen  führen.
  • Der Abbau körpereigener Eiweiße hat ebenso nachhaltige Folgen: es kommt durch den Abbau von Kollagenen zu verstärkter Faltenbildung und durch den ‚Raubbau‘ an Knorpelstrukturen zu Gelenkentzündungen und Bandscheibenvorfällen.
  • Die verschlechterte Kalziumverwertung aufgrund des Cortisols erhöht das Risiko für Osteoporose (‚Witwenbuckel‘).

Neben diesen Reaktionen auf den Körper hat ein erhöhter Cortisolspiegel auch weitreichende Konsequenzen auf das Gehirn. Diese führen zu Verhaltensänderungen und brennen die Stresserfahrung quasi im Gehirn ein. Da diese Reaktionen aufwendiger zu beschreiben sind, widme ich diesen Veränderungen einen eigenen Artikel, der erklären wird, wie anhaltender Stress sogar zu Panikattacken, Gedächtnisstörungen, Burnout und Depressionen führen kann.

Wenn wir uns hier bereits allein die körperlichen Folgen eines anhaltend hohen Cortisolspiegels vergegenwärtigen, dann kann die Quintessenz dieses Artikels schon lauten: Stress ist niemals positiv für den Körper! Stress ist immer eine Notfallreaktion, die sich in massiven körperlichen Veränderungen bemerkbar macht und damit langfristig gefährlich ist (und hier habe ich die psychischen Veränderungen, die zu Panikstörungen, Depressionen und Burnout führen, noch nicht einmal mitberücksichtigt!).

Es ist also eminent wichtig, seine Stressoren in den Griff zu bekommen. Und Stressoren sind nicht nur Situationen, die wir nicht oder nur schlecht kontrollieren können, sondern auch innere Konflikte, Krankheiten, Operationen, Hungerkuren, Angst, Lärm, Sorgen, Schlafmangel, Abendstress, ungünstige Beziehungen, mangelnde Erholungsphasen, dauerhaftes Überschreiten der eigenen Grenzen, Substanzmissbrauch (Drogen, Alkohol, Aufputschmittel, Medikamente), Pflege von Angehörigen usw. Aber auch eher positiv erscheinende Ereignisse, wie ein Wunschumzug, Veränderungen des Lebensstandes oder -standards, eine Beförderung, viel Sport oder Training, ein Kind, ein großer Freundeskreis, ‚Oma zieht ein‘, zu viel Medienkonsum, dauernde Erreichbarkeit etc. können viel Stress und zu einer enorm erhöhten Cortisolausschüttung führen und ebenso sehr krank machen.

Daher ist jeder Stress mit Vorsicht zu genießen und es ist ein weiser Umgang mit all den umgebenden Stressoren gefragt (d.h. auch mit dem sogenannten Eu-Stress). Am besten ist es, möglichst viele Stressoren abzustellen. Wenn dies jedoch nicht möglich ist, bietet sich ein Resilienztraining an, das hilft, besser mit Stress, Krisen und Katastrophen umgehen zu lernen und gelassener und ruhiger zu werden. Dies ist es, was ich als Resilienztrainerin vermittele.

©Nicole Teschner – 2013