Wer oder was stresst denn da? Teil II: Cortisol – die Stresswache des Körpers

©drx photoxpress.com

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Forscher haben einen interessanten Versuch unternommen: Sie haben an Fallschirmspringern kurz vor dem ersten Sprung und an mehreren Zeitpunkten während und nach dem ersten Sprung die Blutwerte von Adrenalin und Cortisol – dem Langzeit-Stress-Hormon – gemessen. Die Testpersonen reagierten erwartungsgemäß mit einem Adrenalinanstieg, bevor Sie springen sollten, währenddessen und auch kurze Zeit noch danach. Doch schon sehr bald nach dem Sprung normalisierten sich die Adrenalinwerte wieder auf ein Normalmaß. Interessant war jedoch bei diesem Versuch, dass die Werte des anderen Stresshormons – Cortisol – erst 30 min nach dem Sprung ihren Höchstwert erreichten und dann noch längere Zeit erhöht blieben, obwohl die ‚Bedrohung‘ schon längst vorbei war.

Dies erscheint paradox und es drängt sich die Frage auf, warum uns die Natur scheinbar mit einem ‚Alarmsystem‘ ausgestattet hat, das viel zu spät reagiert?

Doch kein Merkmal eines Lebewesen bleibt über die Evolution erhalten, wenn es nicht einen Sinn hätte: Und so hat auch die Ausschüttung von Cortisol zwei wichtige Funktionen: Cortisol bewirkt einerseits im Gehirn durch Umbaumaßnahmen, dass die erlebte Stresssituation gespeichert und das Verhalten verändert und angepasst wird (quasi als Memofunktion) und andererseits verändert Cortisol den Körper, damit dieser ab sofort besser auf neuen Stress vorbereitet ist:

  • Dazu verstärkt Cortisol den Abbau körpereigener Eiweiße und Fette, die dann in Glucose (Zucker) umgebaut und das dann im Blut bereitgestellt wird, um genügend Energie im Falle eines erneuten ‚Sympathikus-Alarms‘ zur Verfügung zu haben
  • Glucose, die bereits im Blut vorhanden ist, wird weniger im Gewebe gespeichert, sodass zusätzlich mehr Blutzucker für den nächsten Notfall vorhanden ist
  • das Immunsystem wird durch Cortisol heruntergefahren, um keine Energien für körperliche Abwehrreaktionen zu verschwenden (im Gegensatz dazu erhöht die Sympathikus-Reaktion vorübergehend die Abwehrkräfte!)
  • die Ausschüttung von Cortisol senkt das Fortpflanzungsbedürfnis oder produziert sogar Unfruchtbarkeit, da der Organismus gerade nur für sein eigenes Überleben kämpft
  • der Sauerstofftransport im Körper wird verbessert, indem Cortisol die Bildung von roten Blutkörperchen anregt und gleichzeitig den Blutdruck erhöht
  • und es verbleiben mehr Blutfette im Blut, die zur Not erneut in Zucker umgewandelt werden oder als Reparaturhilfsstoffe bei beschädigtem Gewebe dienen können.

Bleibt der Stress bestehen und die Cortisolwerte anhaltend hoch, führt dies letztendlich zu langfristigen körperlichen Fehl-Veränderungen und Krankheiten:

  • Es kommt zu Gewichtsverlust und gleichzeitig zu einer Zunahme des Heißhungers nach Süßem. Dadurch verliert der Körper einerseits an Gewicht, dieses wird aber durch verstärkte Anlagerung von charakteristischem Bauchfett wieder ausgeglichen. Es kommt außerdem zu einer Fehlsteuerung des Insulin-Haushaltes mit einer möglichen Entwicklung hin zu einem metabolischen Syndrom oder Diabetes.
  • Die erhöhten Cholesterin-Werte im Blut können zu einer Verstopfung der Adern durch Ablagerungen des Blutfettes an den Innenseiten der Gefäßwände führen. Wenn dadurch z.B. ein Herzkranzgefäß verstopft, kommt es zu Symptomen der ‚Herzenge‘ (Angina pectoris), im schlimmsten Fall sogar zu einem Herzinfarkt. Die Entstehung dieser Krankheiten wird außerdem dadurch begünstigt, dass der zu hohe Cortisolspiegel die Entwicklung von Bluthochdruck fördert, der wiederum das Risiko für Herzerkrankungen erhöht.
  • Durch das reduzierte Immunsystem ist ein gestresster Mensch sehr infektanfällig und es kommt zu vielen Banalinfektionen, wie z.B. Schnupfen, Nebenhöhlenentzündungen usw.
  • Darüber hinaus kann die dauerhafte Muskulaturverspannung zu entzündlichen Muskelerkrankungen und in der Folge sogar zu chronischen Schmerzerkrankungen  führen.
  • Der Abbau körpereigener Eiweiße hat ebenso nachhaltige Folgen: es kommt durch den Abbau von Kollagenen zu verstärkter Faltenbildung und durch den ‚Raubbau‘ an Knorpelstrukturen zu Gelenkentzündungen und Bandscheibenvorfällen.
  • Die verschlechterte Kalziumverwertung aufgrund des Cortisols erhöht das Risiko für Osteoporose (‚Witwenbuckel‘).

Neben diesen Reaktionen auf den Körper hat ein erhöhter Cortisolspiegel auch weitreichende Konsequenzen auf das Gehirn. Diese führen zu Verhaltensänderungen und brennen die Stresserfahrung quasi im Gehirn ein. Da diese Reaktionen aufwendiger zu beschreiben sind, widme ich diesen Veränderungen einen eigenen Artikel, der erklären wird, wie anhaltender Stress sogar zu Panikattacken, Gedächtnisstörungen, Burnout und Depressionen führen kann.

Wenn wir uns hier bereits allein die körperlichen Folgen eines anhaltend hohen Cortisolspiegels vergegenwärtigen, dann kann die Quintessenz dieses Artikels schon lauten: Stress ist niemals positiv für den Körper! Stress ist immer eine Notfallreaktion, die sich in massiven körperlichen Veränderungen bemerkbar macht und damit langfristig gefährlich ist (und hier habe ich die psychischen Veränderungen, die zu Panikstörungen, Depressionen und Burnout führen, noch nicht einmal mitberücksichtigt!).

Es ist also eminent wichtig, seine Stressoren in den Griff zu bekommen. Und Stressoren sind nicht nur Situationen, die wir nicht oder nur schlecht kontrollieren können, sondern auch innere Konflikte, Krankheiten, Operationen, Hungerkuren, Angst, Lärm, Sorgen, Schlafmangel, Abendstress, ungünstige Beziehungen, mangelnde Erholungsphasen, dauerhaftes Überschreiten der eigenen Grenzen, Substanzmissbrauch (Drogen, Alkohol, Aufputschmittel, Medikamente), Pflege von Angehörigen usw. Aber auch eher positiv erscheinende Ereignisse, wie ein Wunschumzug, Veränderungen des Lebensstandes oder -standards, eine Beförderung, viel Sport oder Training, ein Kind, ein großer Freundeskreis, ‚Oma zieht ein‘, zu viel Medienkonsum, dauernde Erreichbarkeit etc. können viel Stress und zu einer enorm erhöhten Cortisolausschüttung führen und ebenso sehr krank machen.

Daher ist jeder Stress mit Vorsicht zu genießen und es ist ein weiser Umgang mit all den umgebenden Stressoren gefragt (d.h. auch mit dem sogenannten Eu-Stress). Am besten ist es, möglichst viele Stressoren abzustellen. Wenn dies jedoch nicht möglich ist, bietet sich ein Resilienztraining an, das hilft, besser mit Stress, Krisen und Katastrophen umgehen zu lernen und gelassener und ruhiger zu werden. Dies ist es, was ich als Resilienztrainerin vermittele.

©Nicole Teschner – 2013

Wer oder was stresst denn da? Das Wesen des Stresses Teil I

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Um das Wesen des Stresses und seinen ungünstigen Einfluss auf unseren Körper zu verstehen, ist zunächst ein Blick in den Aufbau und die Abschnitte unseres Gehirns notwendig.

Unser Gehirn besteht im Wesentlichen aus drei evolutiven Errungenschaften (Teilbereichen oder Schichten), die sich wie eine Zwiebel übereinander anordnen.

Der älteste Teil in unserem Gehirn ist der Hirnstamm. Die dazugehörigen Strukturen liegen – wie auch der Name schon andeutet – ganz im Inneren des Gehirns und stellen den Übergang zum Rückenmark dar. Er ist quasi unser noch vorhandenes Reptiliengehirn. Dieser Teil vermittelt die Aufrechterhaltung eines gleich bleibenden Stoffwechsels (sodass der Kreislauf funktioniert, die Atmung, der Herzschlag, die Verdauung usw.), die Herstellung des Tag-Nacht-Rhythmus, sowie die Reflexe. Einzig mit einem Hirnstamm ausgestattete Lebewesen können auf massive Bedrohung nur durch Totstellen reagieren und hoffen, dass sie vom Gegner – weil angeblich schon tot und daher ungenießbar – verschont bleiben.

Als Neuerung bildete sich dann das limbische System auf der Stufe der Säugetiere hinzu. Dieses liegt über dem Hirnstamm und unter der ‘Neokortex-Mütze’.

Mit der Entwicklung des limbischen Systems erhielten Säugetiere vor langer Zeit als bahnbrechende Neuerung im Stressgeschehen, dass sie auf Bedrohungen mit Kampf oder Flucht als Bewältigungsversuch reagieren konnten. Daher vermittelt dieser Teil des Gehirns die schnelle Bewertung von Situationen und löst damit im Körper aufgrund des festgestellten Bedrohungsgefühls alle nötigen Reaktionen aus.

Der neueste Teil des Gehirns – der Neocortex – entwickelte sich erst mit den Primaten. Der Neocortex umschließt wie eine Mütze die innenliegenden älteren Gehirnabschnitte. Auf dieser Entwicklungsstufe erhielten Tiere wichtige neue Fähigkeiten zur Abwendung langfristiger, existenzieller Lebensbedrohungen, wie Denken, Imagination, Problemlösung, die Bildung und Pflege sozialer Beziehungen sowie die Möglichkeit für Kommunikation.

Die Alarmanlage des Gehirns: Das limbische System

Nun könnte man denken, dass es evolutiv doch sinnvoll gewesen wäre, dem modernsten Teil des Gehirns – also dem Neokortex – auch alle Aufgaben für die Bewältigung von akutem Stress und akuten Bedrohungen anzuvertrauen. Doch das ist keineswegs so. Denn da der Neokortex enorm komplex aufgebaut ist und auch die Verrechnung sehr komplex ist, ist er im Falle einer direkten Bedrohung – wo es auf Geschwindigkeit ankommt – viel zu langsam.  Anders ausgedrückt: wenn wir eine Bedrohung mit dem Neokortex erst lange durchdenken würden, wären wir eher tot als reagiert zu haben. Für die direkte Abwendung einer unmittelbaren Bedrohung ist somit der Neokortex ungeeignet. Um aber langfristig darüber nachzudenken, wie man solche Bedrohungen umgeht oder nachträglich Schadensbegrenzung betreibt o.ä., ist der Neokortex jedoch perfekt!

Somit ist die Notfallzentrale immer noch auf der Stufe der Säugetiere – also im limbischen System – verblieben. Denn dieses reagiert aufgrund des einfacheren Aufbaus und der direkteren Vernetzung sehr viel schneller und kann den Körper schneller aus der Gefahrenzone bringen. Außerdem befindet sich das limbische System quasi im Zentrum des Gehirns und hat damit Zugang zu allen Teilen des Gehirns (auch zu Hirnstamm und Neorkortex).

Doch es hat seinen Preis, dass das limbische System immer noch mit dem Notfallmanagement betraut ist: durch die Abkürzung zwischen Reiz und Reaktion via limbisches System werden körperliche Reaktionen bei Bedrohungen stets ohne Bewertung unseres höheren, bewussten Verstandes (des Neokortex) ausgelöst. Und das führt zuweilen auch zu ausgelösten Notfall-Reaktionen, wenn keine offensichtlichen Bedrohungen mehr vorhanden sind. Dies passiert z.B. wenn das limbische System  aufgrund nur geringfügiger Ähnlichkeiten mit bereits erlebten, (tatsächlich bedrohlichen) Situationen glaubt, es wäre erneut eine Bedrohung vorhanden. Dann kann es vorkommen, dass der Körper wieder mit Angriff (Aggression) oder Flucht (Angst) – d.h. Stress – reagiert und den Körper in den Alarmzustand versetzt, obwohl es faktisch diesmal keine Bedrohung mehr gibt. Dies kann dann zu Angststörungen oder unangemessenen impulsiven Ausbrüchen oder Stress z.B. aufgrund erlebter, bedrohlicher Kindheitserfahrungen führen.

Wenn das limbische System Alarm schlägt

Wenn das limbische System schließlich zu dem Ergebnis gekommen ist, dass eine bedrohliche Situation vorliegt, sendet es über ein Nervengeflecht Impulse aus, die den gesamten Körper für Angriff- oder Fluchtverhalten vorbereiten. Das Nervengeflecht, dass dieses bewirkt nennt man den Sympathikus (der Name erscheint etwas verwirrend, da uns ja die durch dieses System ausgelösten Reaktionen weniger sympathisch erscheinen. Aber das Endergebnis – nämlich der Schutz unseres Lebens – ist dagegen durchaus sympathisch! Vielleicht erklärt das den Namen ;) ).

Es kommt zur Steigerung von Herzfrequenz (Puls) und Atmung (damit mehr Sauerstoff zur Verfügung steht), die Muskulatur wird angespannt, Glukose-Reserven für den erhöhten Bedarf werden bereitgestellt, die Verdauungsaktivität gesenkt (oder aber Darm und Blase können sich auch schneller entleeren,  um mobiler zu werden) und die Libido wird eingeschränkt (da eine Fortpflanzung aktuell eh unnötig ist, wenn nicht einmal klar ist, ob man es gerade selbst überlebt…).

Gelingt die Abwendung der Bedrohung – ganz gleich durch welche Strategie – wird dieses wieder vom limbischen System registriert und das Gegenspieler-Nervengeflecht, der Parasympathikus wird aktiviert.

Dieses sorgt für Entspannung des Körpers: die Atemfrequenz sinkt, die Muskeln erschlaffen, die Verdauungsfähigkeit nimmt wieder zu, die Libido steigt usw. Auch die Herzfrequenz sinkt wieder, bis wieder ein Ruhezustand eingekehrt ist.

Kurzzeitige Bedrohungen lösen also starke Kampf- oder Fluchtreaktionen aus, haben aber keinen längerfristigen schädlichen Effekt auf den Körper, wenn die Bedrohung durch diese Reaktion abgewendet werden kann. Anders ist es, wenn Bedrohungen nicht abzuwenden sind und das Gefühl der Bedrohung anhält. Dann kommt es zur Aktivierung einer Langzeit-Stress-Reaktion. Diese und die Wirkungen auf den Körper werde ich im Folge-Artikel beschreiben.

©Nicole Teschner – 2013

‚Verlorene Kindheit‘: Buchtipps

Zu den Artikeln der Serie ‚Verlorene Kindheit‘ möchte ich hier noch einige Bücher vorstellen:

1.   Susan Forward: ‚Vergiftete Kindheit‘

Susan Forward ist Psychotherapeutin in den USA und hat mit ihrem Spezialgebiet – Kinder im Erziehungsgefüge der Familie – sehr viel Ansehen dort erlangt.

Sie beschreibt im ersten Teil des Buches kindliche Entwicklungsbeeinträchtigungen, die entstehen, wenn sie als Kinder perfektionistischer, alkoholabhängiger, vernachlässigender, kontrollierender, verbal-/ körperlich-/psychisch- oder auch sexuell-missbrauchender Eltern aufwachsen und schildert in vielen Fallbeispielen, welchen Einfluss diese Ereignisse noch im Erwachsenenleben haben.

Im zweiten Teil gibt sie Schritt-für-Schritt Anleitungen, wie man solche immer noch als Erwachsener vorhandenen ‚Teufelskreise‘ durchbrechen und die Wunden heilen lassen kann.

Für mich ein sehr gutes Buch, dass ich jedem empfehle, der das Gefühl hat, dass so einiges in der Kindheit schief gelaufen ist.

Lesen Sie dieses Buch bitte nur dann, wenn Sie Zeit zum Nachspüren für sich haben – und es evtl. nicht stört, wenn Sie die eine oder andere Träne vergießen…

Buchansicht

2.   Marie-France Hirigoyen: ‚Die Masken der Niedertracht‘

Marie-France Hirigoyen ist Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris. Sie studierte Medizin und Viktimologie und widmet sich in diesem Buch den schwierig dingfest machbaren ’narzisstisch Perversen‘ und ihren subtilen Vorgehensweisen gegenüber ihren Opfern.

Narzissten haben ihren Wirkungskreis überall: in der Partnerschaft, auf der Arbeit oder als Eltern und hinterlassen hinter sich eine Spur ‚psychischer Leichen‘. Die Autorin zeichnet das bewusste Handeln des Narzissten anhand konkreter Fallbeispiele nach und gibt eine ausführliche Beschreibung, wie es Narzissten gelingt, andere Menschen zu unterjochen, ohne dass sie sich dessen überhaupt bewusst werden. Sie zeigt die Formen des Verhaltens und die Kommunikationsfallstricke auf, die Narzissten verwenden, um das Gegenüber quasi schwindelig zu reden und damit in ihre Gewalt zu bringen. Sie durchleuchtet die Täter-Opfer-Beziehungen und die Folgen einer narzisstischen Beherrschung für die Opfer. Am Ende beschreibt sie Möglichkeiten, wie sich Opfer von den seelischen Leiden im Kontext der Familie, in der Partnerschaft oder im Unternehmen befreien können.

Aus dem Klappentext:

Es ist schwer, sich gegen eine Gewalt zu wehren, die weder greifbar noch beweisbar ist und die doch verletzt. Seelische Gewalt erniedrigt, nimmt die Selbstachtung, macht hilflos. Den Tätern dient sie dazu, ihr eigenes Ego zu erhöhen und ihre Gier nach Anerkennung und Bewunderung zu befriedigen.

Aus dem Text zusammengetragen:

Die Schwierigkeit klinischer Beschreibung (des narzisstisch Perversen, Anm.) wurzelt in dem Umstand, dass jedes Wort, jede Intonation, jede Anspielung von Bedeutung ist. Alle Einzelheiten erscheinen für sich genommen harmlos, doch in ihrer Gesamtheit setzen sie einen zerstörerischen Prozess in Gang. […] So gibt es Individuen, die auf ihrer Bahn Leichen oder vielmehr lebende Leichen zurücklassen. Das hindert sie nicht daran, anderen Sand in die Augen zu streuen und gesellschaftlich völlig angepasst zu erscheinen.

[…] Die Aggressionen sind subtil, es gibt keine greifbaren Spuren, und die Zeugen neigen dazu, es als schlichte konfliktbeladene oder leidenschaftliche Beziehung zwíschen zwei Personen mit schwierigem Charakter zu deuten, was in Wahrheit ein gewalttätiger Versuch von seelischer, ja sogar körperlicher Vernichtung des anderen ist, der manchmal gelingt. […] und die Opfer erst im Laufe der Zeit lernen, den perversen Umgang zu erkennen, sich zu wehren und Beweise zusammenzutragen.

[…] Die narzisstische Verführung verwirrt und verwischt die Grenzen zwischen dem was eigen, und dem, was sonstig ist. […] es ist Einverleibung – mit dem Ziel zu zerstören. Denn die Gegenwart des anderen wird als Bedrohung erlebt, nicht als Ergänzung. Die Beeinflussung besteht darin, jemanden, ohne zu argumentieren, dahin zu bringen, dass er anders denkt, entscheidet oder sich benimmt, als er es aus eigenem Antrieb getan hätte. […] Die Beeinflussung kann soweit gehen, dass der andere nicht mehr seine eigenen Gedanken denkt, wie bei einer echten Gehirnwäsche. […] Das Opfer ist in einem Spinnennetz gefangen, zur Verfügung gehalten, psychologisch gefesselt, betäubt. Ihm ist oft nicht einmal bewusst, dass ein Übergriff stattgefunden hat.

Fazit:

Für Menschen, die in einer vermutlich narzisstisch-geprägten Beziehung sind oder waren und das Gefühl von Unterjochung hatten oder haben, aber nicht einmal konkret sagen könnten, warum, ein absolutes Lesemuss!

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3.   Ingrid Müller-Münch: Die geprügelte Generation

Ingrid-Müller Münch lässt Erwachsene zu Wort kommen, die ‚einschlägige‘ Erfahrungen mit Ihren Eltern haben und in den 50er und 60er Jahren geboren sind. Sie zeichnet dadurch nach, warum geschlagen wurde, wie es war, warum es so war, warum es als ’normal‘ angesehen wurde und wie sich dieser Trend allmählich verändert.

Fazit:

Um über sich selbst zu reflektieren und eigene Erfahrungen wieder ‚auszugraben‘ und zu erkennen: ‚ja, genau so war es auch bei mir!‘, ist dieses Buch sehr zu empfehlen.

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4.   Alice Miller: eine ganze Sammlung

Der rote Faden, der sich durch alle Bücher von Alice Miller zieht, ist, dass sich Gewalterfahrungen, die durch Schläge in der Kindheit gemacht wurden, sich einen Weg nach außen suchen: in Form körperlicher Probleme oder in Form der Weitergabe neuer Gewalt. Dazu hat sie zahlreiche Biografien studiert und belegt an diesen ihre Gedankenansätze.

Ein Fazit, dass in all ihren Büchern zu finden ist, ist: nur ein wissender Zeuge genügt, um das Leid einer gequälten Kinderseele zu senken: Ein wissender Zeuge gibt dem Kind zu verstehen, dass es Unrecht ist, was ihm widerfährt oder widerfahren ist. Dann kann es Kindern gelingen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Fehlt ein wissender Zeuge, führt dies dazu, dass erlebte Gewalt in der Kindheit bei stark despotischen Erwachsenen endet. Auch dies belegt sie an gut recherhierten Beispielen. Und sehr wichtig ist es damit, zu seinem eigenen wissenden Zeuge zu werden und die Verleugnung der erhaltenen Gewalt aufzugeben. Denn nicht-Fühlen der Schmach führt zu langanhaltenen körperlichen Problemen.

Ihre Bücher setzen unterschiedliche Schwerpunkte:

‚Die Revolte des Körpers‘ beschreibt die Formen körperlicher Antworten auf die nicht-gelebten destruktiven Emotionen der erfahrenen frühkindlichen Gewalt, Manipulationen oder Quälereien.

In ‚Das Drama des begabten Kindes‘ beschreibt sie Beispiele, wie Kinder ihre Individualität früh in der Kindheit aufgrund der Anpassung an Elternwünsche und -bedürfnisse aufgeben und die Schwierigkeiten, zum eigenen/eigentlichen Ich zurückzufinden.

‚Am Anfang war Erziehung‘ zeigt, wie sich Kinder mit Gewalterfahrungen und schwarzer Pädagogik entwickeln und dass dies zu Drogenabhängigkeit, Austeilen von erneuter Gewalt u. ä. führen kann.

In ‚Du sollst nicht merken‘ setzt sie sich mit dem immer noch stark vorhandenem gesellschaftlichen No-Go auseinander, elterliche Gewalt und deren Fehler schonungslos beim Namen zu nennen – sowohl bei Betroffenen als auch bei Therapeuten.

In ‚Verbanntes Wissen‘ zeigt sie die Defizite verschiedener therapeutischer Schulen auf, die die schmerzlichen Erfahrungen keineswegs empathisch auch als schmerzliche Erfahrungen ihren Klienten eingestehen und zugestehen. Hier erfolgt z.B. Kritik an der neutralen, wertfreien Therapieform der Psychoanalyse, die dem gequältem Kind auch häufig noch einen eigenen, schuldhaften Anteil attestiert.

‚Der gemiedene Schlüssel‘ sind biografische Analysen zu ihren Thesen anhand von Nietsche, Picasso, Käthe Kollwitz, Buster Keaton und weiteren.

‚Abbruch der Schweigemauer‘ beschreibt die Ausbeutung der Abhängigkeit und Liebesbedürftigkeit von Kindern unter dem Deckmantel Erziehung am Beispiel Nicolas Ceausescus.

‚Evas Erwachen‘ zeigt die Ausmaße frühkindlicher Gewalt auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns und warum sämtliche Erfahrungen im Körpergedächtnis gespeichert bleiben und zu körperlichen Problemen führen – auch wenn unser Bewusstsein die Erfahrungen leugnet.

Fazit:

Alice Millers Bücher sind ein leidenschaftliches Plädoyer für den Mut zur eigenen Wahrheit und Empörung über die in der Kindheit erlittene Schmach durch schwerwiegende Erziehungsfehler und eine Absage an jegliche Form der schwarzen Pädagogik, die nur neues Leid durch Weitergabe erzeugt. Zur Reflektion einer schwierigen Kindheit und Aufgabe der eigenen Verleugnung absolut lesens- und lohnenswert!

Buchansichten

5.   Trauma-Literatur:

Da ich empfehle, sich für eine Traumbearbeitung fachlich versierte Therapeuten zu suchen, möchte ich hier nur kurz der Vollständigkeit halber auf die unterstützenden Trauma-Bücher von Christiane Sautter und Peter A. Levine hinweisen. Diese können als begleitende Bücher einer Therapie sehr gut genutzt werden, sollten aber auf keinen Fall eine Therapie ersetzen!

Buchansichten

©Nicole Teschner 2013

Foto: ©Bluefern photoxpress.com

Der kleine Alltagsoptimist

HedgehogWir haben täglich viele Dinge, für die wir dankbar sein können. Sie glauben mir nicht?

Sie können laufen? Was wäre, wenn sie es plötzlich nicht mehr könnten?

Sie können atmen? Was wäre, wenn sie es nicht mehr könnten?

Sie können den Text lesen? Wie wäre es, wenn sie es nicht mehr könnten?relocine nschet

Vielleicht werden sie jetzt sagen: ‚ja, aber das ist doch normal! Das können doch viele…warum sollte ich dafür dankbar sein?“

Ich kann Ihnen diese Frage schnell beantworten:

Fragen Sie doch mal einen Gelähmten, ob Laufen normal ist? Und fragen Sie jemanden, der nur noch sehr schlecht Luft bekommt, ob es normal ist zu atmen? Oder den Blinden, wie gerne er ihnen nun über die Schulter schauen würde, um den Text zu lesen? Wie normal wäre es dann für sie, was wir täglich alles genießen können?relocine nschet

Wir alle vergessen dankbar zu sein und uns darüber zu freuen, was bereits gut (normal?) ist. Erst wenn es plötzlich nicht mehr ’normal‘ ist, wird uns bewusst, wie gut wir es hatten. Und auch wenn es gerade schwierig ist und nicht so läuft, wie wir es uns wünschen würden: wieviel haben wir trotzdem, das gut für uns ist, was uns gut tun kann, worauf wir einfach nur mehr bewusst achten müssten, um unser Gehirn in eine andere Balance zu bringen – jeden Tag?

Jede Emotion hat einen Einfluss auf unseren Körper. Positive beeinflussen den Körper und das Wohlbefinden positiv – negative eben negativ. D.h. allein durch die Veränderung des Blickwinkels können Sie sich sehr viel positiver stimmen und längerfristig Ihr Körpergefühl damit verbessern.

Resiliente Menschen haben die Fähigkeit realistisch optimistisch in die Welt zu blicken. Diese Fähigkeit ist eine der Fähigkeit, die benötigt werden, um selbst resilienter zu werden. Dies ist eine Fähigkeit, die Sie in einem Resilienztraining erlernen können.

©Nicole Teschner – 2012

Die Macht des Vergleichs

Für den, der nie viel hatte, fühlt sich ‚ein bisschen‘ an, wie der Einzug ins gelobte Land.relocine nschet

Für den, der immer viel hatte, fühlt sich ‚ein bisschen‘ an, wie eine unverschämte Frechheit des Lebens.

(Eigenzitat)

Vergleiche können förderlich oder schädlich sein: Die erste Art zu vergleichen, erzeugt Dankbarkeit und positive Gefühle. Die zweite Art zu vergleichen, erzeugt Trauer und Wut – und damit Stress.

Wie vergleichen Sie für gewöhnlich?

©Nicole Teschner – 2012

Stresssymptome zu Wort kommen lassen

Wenn unser Körper längere Zeit chronischem Stress ausgesetzt ist, wird über das Stressantwort-System unseres Körpers (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse-System) verstärkt das Hormon Kortisol ausgeschüttet. Kortisol hat auf den Körper zahlreiche Wirkungen. U. a. steigt der Blutdruck, es kommt zu Verspannungen, das Immunsystem wird gehemmt usw. Dies führt zu zahlreichen Stress-bedingten Symptomen, wie verstopfte Nase, Rückenschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Kopfschmerzen, Nackendruck, Engegefühle in der Brust, Herzstolpern, Hauterkrankungen und weitere.relocine nschet

Es ist sehr wichtig, länger anhaltende Beschwerden medizinisch abklären zu lassen, um schwerwiegende Erkrankungen auszuschließen und auch vorzubeugen.

Bitte nehmen Sie die Abklärung sehr ernst – insbesondere bei Enge in der Brust, Herzschmerzen, Atemnot, Schwindel, Sensibilitätsstörungen, anhaltenden Magen-Darm-Schwierigkeiten, starken Blutdruckproblemen usw.!

Wenn nun aber Ihr Arzt alle nötigen Untersuchungen abgeschlossen hat und keinen Befund hinter den Symtomen finden konnte (oder sogar mehrere verschiedene Ärzte keinen Befund gefunden haben), liegt oft die Vermutung nahe, dass die Beschwerden auf zu hohem Stress/Belastungen zurückzuführen sind.relocine nschet

Und dann stehen Sie vor der Herausforderung, wie Sie besser damit umgehen können – und vor allem herauszufinden, was genau ist es, was Sie so stresst oder belastet.

©Nicole Teschner – 2012