Was Sie über Panikattacken wissen sollten und warum Panikattacken auch auf einen Burnout hinweisen können – Teil II – Ursachen und Ausblick

photo-copyright Alexey Klementiev, photoxpress.com

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Raus aus der Panikspirale – es lohnt sich!

Je länger ein Mensch unter Panikattacken gelitten hat, – insbesondere, wenn diese unberechenbar unspezifisch und häufig auftreten (sich also inzwischen eine  vollständige Panikstörung gebildet hat), desto mehr Energie erfordert es natürlich, um aus der gelernten Panikspirale und dem Angst-Kreislauf wieder herauszukommen.

Daher ist es unbedingt wichtig, so früh wie möglich zu akzeptieren, dass die Ärzte recht haben könnten, dass keine körperliche Ursache zu finden und der Ursprung in der eigenen Psyche zu suchen ist: also nach bestehenden, unbearbeiteten und oft unbewussten Konflikten oder länger andauernden oder traumatischen Belastungen zu forschen ist.

Natürlich mag es zunächst schwierig erscheinen, diese Suche anzutreten. Dennoch lohnt es sich sehr, dem Kreislauf wieder zu entkommen, denn

  • im Gegensatz zu definitiv unheilbaren Krankheiten ist die Prognose einer Panikstörung bei guter Mitarbeit und guter Therapie sehr gut. D. h. es gibt viele Beispiele von Betroffenen, die sich aus einer solchen Störung komplett wieder herausgearbeitet haben und irgendwann einen guten, oft sogar verbesserten normalen Lebenszustand erreicht haben – frei von Panikanfällen. Andere schwerwiegende Krankheiten haben keine vergleichbar gute Prognose und so sollte es doch enorm motivieren, sich auf den ’Rückweg’ aus dieser Störung zu machen!
  • viele Ex-Betroffene sagen sogar rückbetrachtend nach der Überwindung ihrer Panikstörung, dass diese sich für sie – trotz allem – als ein großes Geschenk erwiesen hat: denn ohne diese Zäsur wären sie niemals angefangen, ihr Lebens zu sortieren, zu verändern, unbearbeitete Konflikte in Angriff zu nehmen oder sich längst fälligen Themen zu stellen. Und diese Menschen sind sich sehr wohl dessen bewusst, dass sie statt der Panikstörung langfristig auch ganz andere Notbremsen hätten bekommen können – dann jedoch mit sehr viel schwerwiegenderen Konsequenzen, wie z. B. einem Herzinfarkt…
  • es zählt jeder Tag, um sich einer Panikstörung zu stellen: denn je länger eine solche Störung besteht, desto langwieriger ist natürlich der Prozess, um sie wieder loszuwerden. Insbesondere dann, wenn es erst einmal zu einem vollständigen sozialen Rückzug gekommen ist, die Vermeidung von alles und jedem und die enorme Hilfsbedürftigkeit als unumstößliche Tatsachen im Denken und Verhalten verankert sind, erfordert es sehr viel mehr Kraft, um eine Panikstörung zu überwinden (dennoch ist dies sehr gut möglich!). Deswegen gilt: je eher sich Betroffene damit intensiv auseinandersetzen, um die Störung zu überwinden, desto leichter!
  • mit fortschreitender Symptomatik können sich außerdem weitere ungute Phänomene einschleichen: vollständige Antriebslosigkeit (’klappt ja doch nicht‘), Selbstzweifel und Schuldgefühle gegenüber denjenigen, die einem helfen müssen, damit man überhaupt zurecht kommt. Oft gesellt sich dann zur Panikstörung auch noch eine Depression.
  • da es sich um ein er-lerntes Verhalten handelt, kann es auch wieder ver-lernt werden (auch wenn die Störung schon länger besteht). Die Voraussetzung ist, dass die Ursachen für die anfangs aufgetretenen Panikattacken bearbeitet, verarbeitet, verändert oder abgestellt werden (z.B. Problemkontexte, die einen erhöhten Stresslevel verursachen).

Somit sollte das erste Ziel also die liebevolle Akzeptanz der Tatsache sein, dass die eigene Psyche die Ursache für die auftretenden Panikattacken ist (nachdem körperliche Ursachen natürlich ausgeschlossen wurden!).

Der zweite Schritt besteht daran, sich auf die Suche zu machen, was nun Ursache(n) oder Auslöser für die Panikattacken bzw. Panikstörung sein könnte(n):

Und hier ist quasi alles in Betracht zu ziehen, was das Gehirn so sehr stresst oder gestresst hat oder an traumatische Vorerfahrungen erinnert (- auch wenn das die Suche nicht unbedingt vereinfacht):

  • So könnte z.B. die erste aufgetretene Panikattacke – vielleicht auch nur marginal – an sehr emotional belastende Erfahrungen der Kindheit (oder allgemein der Vergangenheit) erinnert haben, die nicht verarbeitet wurden, aus emotionalem Schutz verdrängt wurden oder schlichtweg nicht mehr erinnert werden (oder nur noch bruchstückhaft, indem man z.B. immer wieder eine gewisse Farbe wahrnimmt, einen Geruch, ein Geräusch oder ein Bild, welche direkt auf die damalige Situation hinweisen).
  • Auch Traumata können die Ursache von Panikattacken sein: 50% der Patienten, die eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, entwickeln auch Panikattacken! Bedenken Sie auch, dass für Kinderseelen sehr viel ‘geringere’ Auslöser traumatisch gewirkt haben könnten: z.B. der erste Kindergartentag ohne ’Mama’, ein Unfall in der frühen Kindheit etc.
  • Auch könnten die auftretenden Panikattacken eine unbewusste Schutzreaktion sein, um eine ‘körperliche Ausrede’ zu haben, um notwendige Veränderungen nicht machen zu können (müssen): Veränderungen, denen man sich dann unbewusst nicht gewachsen fühlen würde, zu denen man sich unbewusst genötigt fühlt, die man unbewusst ablehnt oder für die man glaubt, keine Kraft und Nervenstärke zu haben (z.B. eine Hochzeit einzugehen, den Partner mit einer Trennung zu konfrontieren oder sie selbst zu bewältigen, einen neuen Job mit Beförderung anzutreten etc.).
  • Die auftretenden Symptome könnten ebenso darauf aufmerksam machen, dass man schlichtweg ‘auf dem (emotionalem) Holzweg’ ist – also erst einmal innehalten und sortieren muss: etwas bildlich erklärt wäre die Panikstörung dann der Ausdruck des Krieges zwischen Kopf und Herz: da der Kopf nicht auf die Regungen des Herzens hört und sich permanent über die Wünsche des Herzens hinwegsetzt, koaliert das Herz schließlich mit dem Körper, um sich trotzdem durchzusetzen. Mithilfe der massiven körperlichen Reaktionen werden ab sofort sämtliche Versuche des Kopfes durch ‚körperliche Indisponiertheit‘ torpediert, die entgegen der Regungen des Herzens sind.
  • Und der kleine Zwillingsbruder der letzten beiden ist, dass Panikattacken verhindern könnten, verdrängte Gefühle ins Bewusstsein kommen zu lassen, die schmerzhaft sind oder unterdrückt werden und bei bewusstem Fühlen zu einer Veränderung der Einstellung und gegenwärtigen Lebensverhältnisse zwingen würden. Auch starke, unbewusste Ängste, wie  z.B. enorme (unbewusste) Versagensangst, große Existenzangst, Angst vor neuer, erhöhter Verantwortung usw. sind prädestiniert Panikattacken auszulösen.
  • Eine der sicherlich schwierigsten Erkenntnis ist die, dass Panikattacken deswegen bestehen, weil es einen heimlichen Gewinn gibt: z.B. eine längst fällige Trennung vom Partner nicht machen zu können, weil man ja ohne Partner nun nicht mehr zurechtkommen würde, dass sich der Partner wegen der Hilfsbedürftigkeit seines Panik-Partners nicht trennen kann, man sich durch Trennung mit Problemen wie Angst vor dem Alleinsein oder der Kränkung des Partners und der Suche nach einem neuen Partner auseinandersetzen müsste usw. Aber es könnte so auch unbewusst verhindert werden, dass man die berufliche Karriereleiter weiter empor-‚katapultiert‘ würde…
  • Und ‘last-but-not-least’ könnten Panikattacken ein Indiz für einen handfesten Burnoutprozess sein: denn anhaltender chronischer Stress, chronischer Ärger oder anhaltende Gefühle persönlicher Bedrohung (wie sie in einem Burnout-Prozess auftreten) führen zu verstärkter Freisetzung des Neurotransmitters Noradrenalin. Ausgehend vom Locus coerulus im Gehirn sorgt diese verstärkte Noradrenalin-Freisetzung im Frontalhirn für zunehmend verstärkte Wachsam- und Ängstlichkeit (besonders bei starken unbewussten oder sogar realen Ängsten, wie z.B. der Angst zu versagen oder die Existenz zu verlieren usw.): dadurch wird letztendlich der Sollwert für bedrohlich-einzustufende Reize und auszulösende panische Reaktionen (Panikattacken) so weit nach unten verschoben, dass plötzlich schon minimale, subtile Ängste oder Frustrationen oder etwas stärkere Reize – wie z.B. ein Bedrängungsgefühl im Fahrstuhl oder zu viel Koffein – vom Gehirn als ‘stark bedrohlich’ gewertet und mit intensiver Panik beantwortet werden. In dieser Sollwert-Veränderung als Folge lang anhaltender Belastung (Stress) mit anschließender Entwicklung von Panikattacken kann man also die Querverbindung zu einem Burnout ziehen. Und die Bildung von Panikattacken ist dabei sogar als sehr glücklich zu betrachten: denn so wird der Körper bereits – wie in einem letzten Aufbäumen – vor dem  klassischen, absoluten Lähmungszustand eines Burnouts aus dem Verkehr gezogen, damit er sich erholen muss!

Die Ursachen für Panikattacken können also individuell ganz verschieden sein!

Bei der Suche der Ursachen nach obiger Liste gibt es noch einen ganz wichtigen Punkt zu beachten:

Sollten Sie ein Betroffener sein und bei einem der Punkte spontan gedacht haben: ‘Quatsch! Das ganz und gar nicht!’ (oder ähnlich), dann sollten Sie diesen Punkt für sich besonders unter die Lupe nehmen: es könnte sich nämlich genau um Ihren blinden Fleck handeln, der Ihren Körper dazu veranlasst, Ihnen Panikattacken zu senden, damit Sie dort endlich einmal hinsehen…;)

Doch ganz gleich welche der Ursachen nun in Betracht kommen:

  1. Um aus einer Panikspirale wieder herauszukommen, ist es wichtig, mit Spezialisten die Ursachen zu ergründen und integrierend zu bearbeiten. (Bei Traumata oder einer Posttraumatischen Belastungsstörungen sollten spezielle Traumatherapeuten zu Rate gezogen werden, damit erst das Trauma bearbeitet wird, bevor mit einer Verhaltenstherapie (s.u.) begonnen werden kann).
  2. Erst danach sollten – falls nötig – Lebensanpassungen vorgenommen werden!
  3. Eine zusätzliche medikamentöse Stützung kann mit einem behandelnden Arzt begonnen werden. Dies ist in schweren und bereits lange chronischen Fällen sogar mitunter erfolgversprechender.
  4. Und im letzten Schritt sollten Betroffene sich nach Auseinandersetzung mit den Ursachen verhaltenstherapeutisch helfen lassen, um das lang etablierte Vermeidungsverhalten wieder zu verlernen und Schritt für Schritt wieder Vertrauen in die eigenen Körperfähigkeiten zu bekommen.

Dies insgesamt kann letztendlich zum angestrebten Ziel führen: ein Leben ohne Panik!

Ó Nicole Teschner, 2013

Was Sie über Panikattacken wissen sollten und warum Panikattacken auch auf einen Burnout hinweisen können – Teil I

Foto: copyright chrisharvey, photoxpress

Panikattacken sind extreme (und äußerst ‘beeindruckende‘) Körperphänomene: Eine starke Erregung des körperlichen Alarmsystems (des Sympathikus) löst eine ganze Kaskade Adrenalin-bedingter körperlicher Akutsymptome aus. Panikattacken werden als massives, einschneidendes Körpererlebnis wahrgenommen – oft sogar mit einer intensiven Angst ’jetzt’ zu sterben oder die Kontrolle zu verlieren.

Die Symptome sind massiv:

Auf der körperlichen Ebene bewirken Panikattacken Symptome wie starkes Herzklopfen oder Herzrasen, Schweißausbrüche und Schwitzen, starkes Zittern, Gefühlsstörungen in Armen und Beinen (wie Kribbeln, “Ameisenlaufen”, Brennen oder Taubheitsgefühle), Mundtrockenheit, Atembeschwerden (das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen,) Brust- oder Bauchschmerzen, Beklemmungsgefühle, Übelkeit – und diese mehr oder weniger alle zusammen. Jedoch können auch einige der Symptome im Vordergrund stehen.

Auf der psychischen Ebene treten gleichzeitig Schwindelgefühle, Gefühle von Benommenheit oder Schwäche, Gefühle, dass der eigene Körper fremd erscheint oder macht was er will (Depersonalisation), Gefühle, dass die Umgebung fremd erscheint (Derealisation) und starke Ängste auf, wie: “gleich bekomme ich einen Herzinfarkt!”, “ich breche gleich zusammen!”, “ich falle gleich um!” – (d.h. die Angst zu sterben) – oder “ich flippe gleich aus!”, “gleich weiß ich nicht mehr was ich tue!”, “gleich mache ich etwas, was andere verletzen könnte!” – (Angst, die Kontrolle zu verlieren).

Häufig enden Panikattacken demnach auch mit dem Notruf eines Arztes oder Rettungswagens – wobei meist bei deren Ankunft die Panikattacke bereits wieder abgeklungen ist und sich dann keine körperliche Ursache für den Moment finden lässt.

Panikattacken können entstehen

  • als normale Reaktion des Körpers auf enorm schwere, belastende und lebensbedrohliche Situationen
  • als Folge körperlicher Ursachen oder
  • aufgrund psychischer Ursachen.

Lag als Auslöser eine bedrohliche Situation vor, dann ist mit Beenden und guter Verarbeitung der Situation (und wenn sie sich nicht wiederholt) in der Regel mit keinen weiteren Panikattacken zu rechnen.

Gibt es körperliche Ursachen, dann werden diese Ursachen recht zügig durch den behandelnden Notarzt oder eine gründliche körperliche Untersuchung aufgespürt und die Ursachen behandelt. Dadurch wird es schon bald zu keinen weiteren Panikanfällen kommen. (Hier sei schon vorweggenommen, dass körperliche Verursacher von Panikattacken mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell gefunden und entsprechend therapiert werden!)

Die dritte Möglichkeit ist die, die wohl am häufigsten auftritt: Panikattacken treten plötzlich und unerwartet in einer vergleichsweise harmlosen Situation das erste Mal auf. Wenn die beiden ersten Gründe bereits ausgeschlossen wurden, dann  sollten Betroffene möglichst zügig in liebevoller Selbstakzeptanz die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es psychische Gründe hat, die die Panikattacke ausgelöst haben. Eine solche Einsicht kann natürlich erst einmal viel inneren Widerstand hervorrufen. Denn damit liegt der Auslöser in der eigenen Verantwortung und es ist Nach- und Umdenken, sowie wahrscheinlich Lebensveränderung nötig. Doch den wahren Ursachen auf den Grund zu gehen und sich dementsprechend zu verändern lohnt sich, wie ich im nächsten Artikel noch beschreiben werde.

Es sind meist normale und eigentlich harmlose Situationen, wo Panikattacken das erste Mal auftreten,

und das meist urplötzlich, ohne Vorankündigung, quasi wie aus heiterem Himmel. Diese harmlosen Situationen lösen normalerweise keine Ängste aus (und haben bei den Betroffenen bislang auch nie zuvor Ängste ausgelöst): dies kann z.B. in der Öffentlichkeit, in Kaufhäusern, in Menschenmengen von Veranstaltungen, in Fahrstühlen oder anderen Situationen sein, wo subjektiv ein Verlassen der Situation gerade unangebracht oder unmöglich erscheint (z.B. auch Meetings oder Vorträge). Wenn dann eine Panikattacke auftritt, verlassen Betroffene aufgrund der schon beschriebenen massiven körperlichen und geistigen Reaktionen fluchtartig die Situation und das Ganze endet nicht selten mit dem Ruf eines Notarztes.

Nach dem Abklingen der Symptome und dem Negativ-Befund des gerufenen Arztes und auch der Folgeuntersuchungen wird dem Betroffenen sehr schnell selbst klar, dass Körperreaktionen und Situation ganz und gar nicht zusammenpassten und es sich hier um keine ‘normale’ und verständliche Reaktion des eigenen Körpers gehandelt hat.

Und damit bleibt diese erste Panikattacke auch nie folgenlos, sondern führt zu charakteristischen Verhaltensänderungen der Betroffenen:

  • Da es sich bei Panikattacken um so tiefgreifende Erlebnisse handelt, werden ab sofort gleiche und ähnliche Situationen – wie bei der ersten Panikattacke – vermieden, um der Gefahr einer erneuten Panikattacke vorzubeugen. Dies kann manchmal durchaus gelingen (z.B. wenn es nur darum geht, Fahrstühle zu meiden). Dies Vermeidungsverhalten führt jedoch zu einer Zunahme der inneren Anspannung, weil nun immer ein drohendes Damokles-Schwert über die Betroffenen schwebt, ob sie nicht doch bald erneut einen solchen ‘Anfall’ erleben werden. Damit entwickeln sie eine Angst vor erneuten Panikattacken: also eine Angst-vor-der-Angst, die zusammen mit exzessivem Vermeidungsverhalten das Auftreten erneuter Panikattacken begünstigt.
  • Außerdem beginnen Betroffene als direkte Reaktion auf die erste Panikattacke ihren Körper sehr viel genauer zu beobachten (da ihnen ja scheinbar bislang ‘irgendetwas’ entgangen sein muss, wenn der Körper aus heiterem Himmel mit derart heftigen Reaktionen unvorhersehbar reagiert!): sie horchen ab jetzt permanent in sich hinein und spüren akribisch den körperlichen Prozessen nach, ob dort etwas ’Verdächtiges’ wahrzunehmen ist und um – falls ja – rechtzeitig ‘Gegenmaßnahmen’ ergreifen zu können (wie sich sofort Hilfe suchen oder schnell zum Arzt fahren o.ä,). Ein Beispiel, wie sich eine komplette Panikspirale nach einer ersten Panikattacke so in Gang setzen kann: während der inneren Selbstbeobachtung wird z.B. unbewusst der Atem angehalten, wodurch das Gehirn weniger Sauerstoff bekommt und dem Betroffenen in der Folge leicht ‘schwarz-vor-Augen’ oder schwindelig wird. Diese nun wahrgenommenen Symptome führen zu erneuter, starker Angst und es kann zur Entstehung der nächsten Panikattacke kommen: diesmal eventuell, wo der Betroffene sogar nur still und alleine vor seinem Laptop sitzt und nicht in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Es kommt zur weiteren Verstärkung von Selbstbeobachtung und Vermeidung und damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit noch weitere Panikattacken zu erleiden. Damit wäre dann ein Teufelskreis geschlossen. (Natürlich ist eine genaue Körperbeobachtung zunächst durchaus sinnvoll, um eine tatsächlich körperliche Störung auch wahrzunehmen –  hier sei aber betont: zunächst! Denn diese Selbstbeobachtung mit möglichen anschließenden Fehlinterpretationen normaler Körperprozesse nimmt bei Betroffenen schnell zwanghafte Züge an).
  • Und als dritte Folge einer ersten auftretenden Panikattacke fangen Betroffene oft an – gerade wegen der Heftigkeit der Panikattacken – intensiv nachzugrübeln, ob sich die Ärzte nicht doch geirrt haben könnten und es doch eine körperliche, bislang noch unentdeckte Ursache für die Panikattacken gibt. Völlig richtig ist es dabei Panikattacken einmal umfangreich von verschiedenen Ärzten abklären zu lassen (vom Allgemeinarzt/Internisten, Neurologen/Psychiater). Die Gefahr besteht jedoch, dass Betroffene die Tendenz entwickeln, auch mehreren Ärzten keinen Glauben zu schenken und immer überzeugter werden,  dass es sich bei den Körperphänomenen in Wahrheit um eine bislang noch unentdeckte Krankheit handele – auch als Folge der großen Hilflosigkeit und Verzweifelung. Es kann dadurch zu einer Odyssee an Arztbesuchen kommen, einem regelrechten Arzt-Tourismus (Ärzte-hopping), um dem inneren Gefühl ‘verrückt zu werden‘ und der sich rapide verstärkenden Angst zu entkommen.

Durch diese Verhaltensänderungen entwickelt sich nicht selten aus einer einzeln aufgetretenen Panikattacke eine komplette Panikstörung:

Durch exzessives Vermeidungsverhalten, der Angst-vor-der Angst und der übertriebenen Selbstbeobachtung entsteht oft eine starke Angstspirale, die sich selbst verstärkt und schließlich zu einer Generalisierung führt: Panikattacken treten dann immer häufiger, unspezifisch und unkontrolliert in vielen neuen Situationen auf, die mit der ursprünglichen Erstsituation überhaupt keine Ähnlichkeit mehr haben – oder sogar in eher ruhigen Situationen.

Damit hat sich schließlich eine vollständige Panikstörung gebildet, die immer mehr Vermeidungsverhalten und noch verstärktere Innenschau und Selbstbeobachtung mit sich bringt – und damit das Anspannungs- und Angstniveau extrem heraufsetzt.

Letztendlich meiden Betroffene dann fast alles. D. h. es kann zu extremen sozialem Rückzug kommen, damit möglichst alle potenziellen Panik-Auslöser eliminieret werden. Zeitgleich wird der Betroffene immer hilfsbedürftiger, weil das Vertrauen in den eigenen Körper immer mehr verschwindet und der gewohnte Tagesablauf und normale Tagesanforderungen, wie z.B. Einkaufen gehen, alleine nicht mehr bewältigt werden können, weil sie das Haus kaum noch verlassen können.

Für Außenstehende ist das enorme Vermeidungsverhalten, die Arzt-Odyssee und die intensive Weigerung, den Ärzten endlich Glauben zu schenken, dass die eigene Psyche die Ursache für die Probleme sein soll, schwer nachzuvollziehen. Doch es wird verständlich, wenn man darüber nachdenkt:

Zunächst einmal sind die mit Panikattacken verbundenen körperlichen Reaktionen sehr massiv und die Betroffenen haben ein echtes Gefühl, gleich sterben zu müssen. Das verunsichert sehr und lässt Betroffene lange glauben, dass solche gewaltige Reaktionen nicht auf ‘bloße‘ Überlastung und Konflikte zurückzuführen sein können – es erscheint den Betroffenen schlicht absurd! Daher suchen sie lange nach potenziellen externen Verursachern und geben nur schweren Herzens die Hoffnung darauf auf.

Auch haben die Betroffenen einen enormen Leidensdruck wegen der völligen  Unkontrollierbarkeit des Körpers und der zunehmenden Isolierung und Hilfsbedürftigkeit. Eine normale Lebensbewältigung ist nicht mehr möglich. Und damit steigt natürlich der innigliche Wunsch, dass diese Phänomene endlich aufhören. Und der idealste und schnellste Weg wäre da eine ‘gute Tablette oder Medizin‘, die das ‘außer-Kontrolle-sein’ des eigenen Körpers schlagartig beenden möge und die Verlässlichkeit des Körpers wieder herstellt. Daher bringt jeder neue Arztbesuch auch erneute Hoffnung.

Und Betroffene spüren auch, dass eine rein psychische Ursache bedeutet, dass erst eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst notwendig ist und sich dann daraus auch noch fällige Lebensanpassungen ergeben könnten. Und diese können an sich schon beängstigend sein! Auch lassen sich solche Veränderungen nicht mal eben ‘über-Nacht’ erzielen, so dass bis zur ‘Erledigung’ noch mit zahlreichen weiteren Panikanfällen zu rechnen ist.

Zuletzt sei auch daran gedacht, dass Panikattacken mit intensiven Gefühlen des ‘eventuell-gleich-sterben-müssens’ sehr traumatisierende Erlebnisse sind. So dürfte jedem wohl verständlich werden, dass Betroffene jeden Strohhalm ergreifen (und jede mögliche Vermeidungsstrategie), um sich vor weiteren solchen Erfahrungen zu schützen.

Es wundert vor diesem Hintergrund also nicht, wenn Betroffene sich immer mehr isolieren und alle Ärzte der Umgebung bereits konsultiert haben.

Warum es sich jedoch lohnt, aus der Panikspirale herauszukommen, wo die psychischen Ursachen zu suchen sind und in welchem Zusammenhang Panikattacken mit Burnout stehen, beschreibe ich im Folgeteil dieses Artikels.

Ó Nicole Teschner – 2013

Wer oder was stresst denn da? Teil II: Cortisol – die Stresswache des Körpers

©drx photoxpress.com

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Forscher haben einen interessanten Versuch unternommen: Sie haben an Fallschirmspringern kurz vor dem ersten Sprung und an mehreren Zeitpunkten während und nach dem ersten Sprung die Blutwerte von Adrenalin und Cortisol – dem Langzeit-Stress-Hormon – gemessen. Die Testpersonen reagierten erwartungsgemäß mit einem Adrenalinanstieg, bevor Sie springen sollten, währenddessen und auch kurze Zeit noch danach. Doch schon sehr bald nach dem Sprung normalisierten sich die Adrenalinwerte wieder auf ein Normalmaß. Interessant war jedoch bei diesem Versuch, dass die Werte des anderen Stresshormons – Cortisol – erst 30 min nach dem Sprung ihren Höchstwert erreichten und dann noch längere Zeit erhöht blieben, obwohl die ‚Bedrohung‘ schon längst vorbei war.

Dies erscheint paradox und es drängt sich die Frage auf, warum uns die Natur scheinbar mit einem ‚Alarmsystem‘ ausgestattet hat, das viel zu spät reagiert?

Doch kein Merkmal eines Lebewesen bleibt über die Evolution erhalten, wenn es nicht einen Sinn hätte: Und so hat auch die Ausschüttung von Cortisol zwei wichtige Funktionen: Cortisol bewirkt einerseits im Gehirn durch Umbaumaßnahmen, dass die erlebte Stresssituation gespeichert und das Verhalten verändert und angepasst wird (quasi als Memofunktion) und andererseits verändert Cortisol den Körper, damit dieser ab sofort besser auf neuen Stress vorbereitet ist:

  • Dazu verstärkt Cortisol den Abbau körpereigener Eiweiße und Fette, die dann in Glucose (Zucker) umgebaut und das dann im Blut bereitgestellt wird, um genügend Energie im Falle eines erneuten ‚Sympathikus-Alarms‘ zur Verfügung zu haben
  • Glucose, die bereits im Blut vorhanden ist, wird weniger im Gewebe gespeichert, sodass zusätzlich mehr Blutzucker für den nächsten Notfall vorhanden ist
  • das Immunsystem wird durch Cortisol heruntergefahren, um keine Energien für körperliche Abwehrreaktionen zu verschwenden (im Gegensatz dazu erhöht die Sympathikus-Reaktion vorübergehend die Abwehrkräfte!)
  • die Ausschüttung von Cortisol senkt das Fortpflanzungsbedürfnis oder produziert sogar Unfruchtbarkeit, da der Organismus gerade nur für sein eigenes Überleben kämpft
  • der Sauerstofftransport im Körper wird verbessert, indem Cortisol die Bildung von roten Blutkörperchen anregt und gleichzeitig den Blutdruck erhöht
  • und es verbleiben mehr Blutfette im Blut, die zur Not erneut in Zucker umgewandelt werden oder als Reparaturhilfsstoffe bei beschädigtem Gewebe dienen können.

Bleibt der Stress bestehen und die Cortisolwerte anhaltend hoch, führt dies letztendlich zu langfristigen körperlichen Fehl-Veränderungen und Krankheiten:

  • Es kommt zu Gewichtsverlust und gleichzeitig zu einer Zunahme des Heißhungers nach Süßem. Dadurch verliert der Körper einerseits an Gewicht, dieses wird aber durch verstärkte Anlagerung von charakteristischem Bauchfett wieder ausgeglichen. Es kommt außerdem zu einer Fehlsteuerung des Insulin-Haushaltes mit einer möglichen Entwicklung hin zu einem metabolischen Syndrom oder Diabetes.
  • Die erhöhten Cholesterin-Werte im Blut können zu einer Verstopfung der Adern durch Ablagerungen des Blutfettes an den Innenseiten der Gefäßwände führen. Wenn dadurch z.B. ein Herzkranzgefäß verstopft, kommt es zu Symptomen der ‚Herzenge‘ (Angina pectoris), im schlimmsten Fall sogar zu einem Herzinfarkt. Die Entstehung dieser Krankheiten wird außerdem dadurch begünstigt, dass der zu hohe Cortisolspiegel die Entwicklung von Bluthochdruck fördert, der wiederum das Risiko für Herzerkrankungen erhöht.
  • Durch das reduzierte Immunsystem ist ein gestresster Mensch sehr infektanfällig und es kommt zu vielen Banalinfektionen, wie z.B. Schnupfen, Nebenhöhlenentzündungen usw.
  • Darüber hinaus kann die dauerhafte Muskulaturverspannung zu entzündlichen Muskelerkrankungen und in der Folge sogar zu chronischen Schmerzerkrankungen  führen.
  • Der Abbau körpereigener Eiweiße hat ebenso nachhaltige Folgen: es kommt durch den Abbau von Kollagenen zu verstärkter Faltenbildung und durch den ‚Raubbau‘ an Knorpelstrukturen zu Gelenkentzündungen und Bandscheibenvorfällen.
  • Die verschlechterte Kalziumverwertung aufgrund des Cortisols erhöht das Risiko für Osteoporose (‚Witwenbuckel‘).

Neben diesen Reaktionen auf den Körper hat ein erhöhter Cortisolspiegel auch weitreichende Konsequenzen auf das Gehirn. Diese führen zu Verhaltensänderungen und brennen die Stresserfahrung quasi im Gehirn ein. Da diese Reaktionen aufwendiger zu beschreiben sind, widme ich diesen Veränderungen einen eigenen Artikel, der erklären wird, wie anhaltender Stress sogar zu Panikattacken, Gedächtnisstörungen, Burnout und Depressionen führen kann.

Wenn wir uns hier bereits allein die körperlichen Folgen eines anhaltend hohen Cortisolspiegels vergegenwärtigen, dann kann die Quintessenz dieses Artikels schon lauten: Stress ist niemals positiv für den Körper! Stress ist immer eine Notfallreaktion, die sich in massiven körperlichen Veränderungen bemerkbar macht und damit langfristig gefährlich ist (und hier habe ich die psychischen Veränderungen, die zu Panikstörungen, Depressionen und Burnout führen, noch nicht einmal mitberücksichtigt!).

Es ist also eminent wichtig, seine Stressoren in den Griff zu bekommen. Und Stressoren sind nicht nur Situationen, die wir nicht oder nur schlecht kontrollieren können, sondern auch innere Konflikte, Krankheiten, Operationen, Hungerkuren, Angst, Lärm, Sorgen, Schlafmangel, Abendstress, ungünstige Beziehungen, mangelnde Erholungsphasen, dauerhaftes Überschreiten der eigenen Grenzen, Substanzmissbrauch (Drogen, Alkohol, Aufputschmittel, Medikamente), Pflege von Angehörigen usw. Aber auch eher positiv erscheinende Ereignisse, wie ein Wunschumzug, Veränderungen des Lebensstandes oder -standards, eine Beförderung, viel Sport oder Training, ein Kind, ein großer Freundeskreis, ‚Oma zieht ein‘, zu viel Medienkonsum, dauernde Erreichbarkeit etc. können viel Stress und zu einer enorm erhöhten Cortisolausschüttung führen und ebenso sehr krank machen.

Daher ist jeder Stress mit Vorsicht zu genießen und es ist ein weiser Umgang mit all den umgebenden Stressoren gefragt (d.h. auch mit dem sogenannten Eu-Stress). Am besten ist es, möglichst viele Stressoren abzustellen. Wenn dies jedoch nicht möglich ist, bietet sich ein Resilienztraining an, das hilft, besser mit Stress, Krisen und Katastrophen umgehen zu lernen und gelassener und ruhiger zu werden. Dies ist es, was ich als Resilienztrainerin vermittele.

©Nicole Teschner – 2013

Wer oder was stresst denn da? Das Wesen des Stresses Teil I

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Um das Wesen des Stresses und seinen ungünstigen Einfluss auf unseren Körper zu verstehen, ist zunächst ein Blick in den Aufbau und die Abschnitte unseres Gehirns notwendig.

Unser Gehirn besteht im Wesentlichen aus drei evolutiven Errungenschaften (Teilbereichen oder Schichten), die sich wie eine Zwiebel übereinander anordnen.

Der älteste Teil in unserem Gehirn ist der Hirnstamm. Die dazugehörigen Strukturen liegen – wie auch der Name schon andeutet – ganz im Inneren des Gehirns und stellen den Übergang zum Rückenmark dar. Er ist quasi unser noch vorhandenes Reptiliengehirn. Dieser Teil vermittelt die Aufrechterhaltung eines gleich bleibenden Stoffwechsels (sodass der Kreislauf funktioniert, die Atmung, der Herzschlag, die Verdauung usw.), die Herstellung des Tag-Nacht-Rhythmus, sowie die Reflexe. Einzig mit einem Hirnstamm ausgestattete Lebewesen können auf massive Bedrohung nur durch Totstellen reagieren und hoffen, dass sie vom Gegner – weil angeblich schon tot und daher ungenießbar – verschont bleiben.

Als Neuerung bildete sich dann das limbische System auf der Stufe der Säugetiere hinzu. Dieses liegt über dem Hirnstamm und unter der ‘Neokortex-Mütze’.

Mit der Entwicklung des limbischen Systems erhielten Säugetiere vor langer Zeit als bahnbrechende Neuerung im Stressgeschehen, dass sie auf Bedrohungen mit Kampf oder Flucht als Bewältigungsversuch reagieren konnten. Daher vermittelt dieser Teil des Gehirns die schnelle Bewertung von Situationen und löst damit im Körper aufgrund des festgestellten Bedrohungsgefühls alle nötigen Reaktionen aus.

Der neueste Teil des Gehirns – der Neocortex – entwickelte sich erst mit den Primaten. Der Neocortex umschließt wie eine Mütze die innenliegenden älteren Gehirnabschnitte. Auf dieser Entwicklungsstufe erhielten Tiere wichtige neue Fähigkeiten zur Abwendung langfristiger, existenzieller Lebensbedrohungen, wie Denken, Imagination, Problemlösung, die Bildung und Pflege sozialer Beziehungen sowie die Möglichkeit für Kommunikation.

Die Alarmanlage des Gehirns: Das limbische System

Nun könnte man denken, dass es evolutiv doch sinnvoll gewesen wäre, dem modernsten Teil des Gehirns – also dem Neokortex – auch alle Aufgaben für die Bewältigung von akutem Stress und akuten Bedrohungen anzuvertrauen. Doch das ist keineswegs so. Denn da der Neokortex enorm komplex aufgebaut ist und auch die Verrechnung sehr komplex ist, ist er im Falle einer direkten Bedrohung – wo es auf Geschwindigkeit ankommt – viel zu langsam.  Anders ausgedrückt: wenn wir eine Bedrohung mit dem Neokortex erst lange durchdenken würden, wären wir eher tot als reagiert zu haben. Für die direkte Abwendung einer unmittelbaren Bedrohung ist somit der Neokortex ungeeignet. Um aber langfristig darüber nachzudenken, wie man solche Bedrohungen umgeht oder nachträglich Schadensbegrenzung betreibt o.ä., ist der Neokortex jedoch perfekt!

Somit ist die Notfallzentrale immer noch auf der Stufe der Säugetiere – also im limbischen System – verblieben. Denn dieses reagiert aufgrund des einfacheren Aufbaus und der direkteren Vernetzung sehr viel schneller und kann den Körper schneller aus der Gefahrenzone bringen. Außerdem befindet sich das limbische System quasi im Zentrum des Gehirns und hat damit Zugang zu allen Teilen des Gehirns (auch zu Hirnstamm und Neorkortex).

Doch es hat seinen Preis, dass das limbische System immer noch mit dem Notfallmanagement betraut ist: durch die Abkürzung zwischen Reiz und Reaktion via limbisches System werden körperliche Reaktionen bei Bedrohungen stets ohne Bewertung unseres höheren, bewussten Verstandes (des Neokortex) ausgelöst. Und das führt zuweilen auch zu ausgelösten Notfall-Reaktionen, wenn keine offensichtlichen Bedrohungen mehr vorhanden sind. Dies passiert z.B. wenn das limbische System  aufgrund nur geringfügiger Ähnlichkeiten mit bereits erlebten, (tatsächlich bedrohlichen) Situationen glaubt, es wäre erneut eine Bedrohung vorhanden. Dann kann es vorkommen, dass der Körper wieder mit Angriff (Aggression) oder Flucht (Angst) – d.h. Stress – reagiert und den Körper in den Alarmzustand versetzt, obwohl es faktisch diesmal keine Bedrohung mehr gibt. Dies kann dann zu Angststörungen oder unangemessenen impulsiven Ausbrüchen oder Stress z.B. aufgrund erlebter, bedrohlicher Kindheitserfahrungen führen.

Wenn das limbische System Alarm schlägt

Wenn das limbische System schließlich zu dem Ergebnis gekommen ist, dass eine bedrohliche Situation vorliegt, sendet es über ein Nervengeflecht Impulse aus, die den gesamten Körper für Angriff- oder Fluchtverhalten vorbereiten. Das Nervengeflecht, dass dieses bewirkt nennt man den Sympathikus (der Name erscheint etwas verwirrend, da uns ja die durch dieses System ausgelösten Reaktionen weniger sympathisch erscheinen. Aber das Endergebnis – nämlich der Schutz unseres Lebens – ist dagegen durchaus sympathisch! Vielleicht erklärt das den Namen ;) ).

Es kommt zur Steigerung von Herzfrequenz (Puls) und Atmung (damit mehr Sauerstoff zur Verfügung steht), die Muskulatur wird angespannt, Glukose-Reserven für den erhöhten Bedarf werden bereitgestellt, die Verdauungsaktivität gesenkt (oder aber Darm und Blase können sich auch schneller entleeren,  um mobiler zu werden) und die Libido wird eingeschränkt (da eine Fortpflanzung aktuell eh unnötig ist, wenn nicht einmal klar ist, ob man es gerade selbst überlebt…).

Gelingt die Abwendung der Bedrohung – ganz gleich durch welche Strategie – wird dieses wieder vom limbischen System registriert und das Gegenspieler-Nervengeflecht, der Parasympathikus wird aktiviert.

Dieses sorgt für Entspannung des Körpers: die Atemfrequenz sinkt, die Muskeln erschlaffen, die Verdauungsfähigkeit nimmt wieder zu, die Libido steigt usw. Auch die Herzfrequenz sinkt wieder, bis wieder ein Ruhezustand eingekehrt ist.

Kurzzeitige Bedrohungen lösen also starke Kampf- oder Fluchtreaktionen aus, haben aber keinen längerfristigen schädlichen Effekt auf den Körper, wenn die Bedrohung durch diese Reaktion abgewendet werden kann. Anders ist es, wenn Bedrohungen nicht abzuwenden sind und das Gefühl der Bedrohung anhält. Dann kommt es zur Aktivierung einer Langzeit-Stress-Reaktion. Diese und die Wirkungen auf den Körper werde ich im Folge-Artikel beschreiben.

©Nicole Teschner – 2013

Abschluss ‚Verlorene Kindheit‘: ‚Stopp‘ den gequälten Kinderseelen!

Sie mögen umstritten sein, aber in diesem Song treffen Sido & Bushido den Nerv (oben eine Coverversion):

‚Gib nicht auf‘

handelt von Kindern, die ausgegrenzt, gemobbt, vernachlässigt, anders sind – und deren gequältes Herz schreit:

Kindersorgen, die es heute gibt – Kindersorgen, die es immer schon gab, und die sich bis ins Erwachsenenalter problematisch auswirken können!

Mit diesem Video möchte ich Sie am Abschluss der Serie ‚verlorene Kindheit‘ nochmals teasern, Ihren eigenen Kindheitsnöten achtsam nachzuspüren, um Unverarbeitetes mit all Ihren Erwachsenenkompetenzen von heute integrieren zu können. Denn heute können Sie dies schaffen, weil Sie im Gegensatz zu damals sehr viel stärker sind und viel mehr Möglichkeiten haben und gut für sich selbst sorgen können!

Und ‚Sido & Bushido‘ mögen Sie gleichzeitig an unsere heranwachsene Generationen erinnern: 

Denken Sie daran: Ein einziger ‚wissender Zeuge‘ reicht, um eine Kinderseele zu retten, wenn dieser dem Kind zu verstehen gibt, dass es jemand gibt, der seine Nöte ernst nimmt. Dadurch kann ein Kind sehr viel resilienter werden. Das war es, was Alice Miller in all ihren Büchern immer wieder betont hat: bereits ein wissender Zeuge genügt, um das Weltbild eines geschundenen, gemobbten Kindes nachhaltig positiv zu verändern!

Dieses Video fasst damit meinen Appell an Sie durch die Serie ‚verlorene Kindheit‘ zusammen:

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihr eigener ‚wissender Zeuge‘ für eigene, noch ungeheilte Kindheitsnöte werden und auch die Augen offenhalten für schreiende Kinderseelen von heute. Denn es gibt noch viel zu viele davon. (Doch Vorsicht! Sollten Sie etwas derartiges bemerken, sprechen Sie bitte mit professionellen Ansprechpartnern, die dann weitere Schritte unternehmen können. Bitte agieren Sie keineswegs selbst!)

Wenn ich Sie mit dieser Serie für diese zwei Punkte sensibilisieren konnte, dann hat sich meine Ausarbeitung der Serie mehr als gelohnt!

Also:

Tue mir den Gefallen, gib nicht auf,

selbst wenn Du jetzt denkst,

Du kommst nie wieder aus dem Loch hier heraus,

auch wenn es manchmal schwerfällt und du denkst,

das Leben macht keinen Sinn,

guck: die Sonne geht doch wieder auf!

(Sido&Bushido, Gib nicht auf!)

©Nicole Teschner – 2013

(Hinweis: das Urheberrecht auf obiges Video oder die Musik obliegt den Veröffentlichten/Künstlern.)

‚Verlorene Kindheit‘: Buchtipps

Zu den Artikeln der Serie ‚Verlorene Kindheit‘ möchte ich hier noch einige Bücher vorstellen:

1.   Susan Forward: ‚Vergiftete Kindheit‘

Susan Forward ist Psychotherapeutin in den USA und hat mit ihrem Spezialgebiet – Kinder im Erziehungsgefüge der Familie – sehr viel Ansehen dort erlangt.

Sie beschreibt im ersten Teil des Buches kindliche Entwicklungsbeeinträchtigungen, die entstehen, wenn sie als Kinder perfektionistischer, alkoholabhängiger, vernachlässigender, kontrollierender, verbal-/ körperlich-/psychisch- oder auch sexuell-missbrauchender Eltern aufwachsen und schildert in vielen Fallbeispielen, welchen Einfluss diese Ereignisse noch im Erwachsenenleben haben.

Im zweiten Teil gibt sie Schritt-für-Schritt Anleitungen, wie man solche immer noch als Erwachsener vorhandenen ‚Teufelskreise‘ durchbrechen und die Wunden heilen lassen kann.

Für mich ein sehr gutes Buch, dass ich jedem empfehle, der das Gefühl hat, dass so einiges in der Kindheit schief gelaufen ist.

Lesen Sie dieses Buch bitte nur dann, wenn Sie Zeit zum Nachspüren für sich haben – und es evtl. nicht stört, wenn Sie die eine oder andere Träne vergießen…

Buchansicht

2.   Marie-France Hirigoyen: ‚Die Masken der Niedertracht‘

Marie-France Hirigoyen ist Psychoanalytikerin und Familientherapeutin in Paris. Sie studierte Medizin und Viktimologie und widmet sich in diesem Buch den schwierig dingfest machbaren ’narzisstisch Perversen‘ und ihren subtilen Vorgehensweisen gegenüber ihren Opfern.

Narzissten haben ihren Wirkungskreis überall: in der Partnerschaft, auf der Arbeit oder als Eltern und hinterlassen hinter sich eine Spur ‚psychischer Leichen‘. Die Autorin zeichnet das bewusste Handeln des Narzissten anhand konkreter Fallbeispiele nach und gibt eine ausführliche Beschreibung, wie es Narzissten gelingt, andere Menschen zu unterjochen, ohne dass sie sich dessen überhaupt bewusst werden. Sie zeigt die Formen des Verhaltens und die Kommunikationsfallstricke auf, die Narzissten verwenden, um das Gegenüber quasi schwindelig zu reden und damit in ihre Gewalt zu bringen. Sie durchleuchtet die Täter-Opfer-Beziehungen und die Folgen einer narzisstischen Beherrschung für die Opfer. Am Ende beschreibt sie Möglichkeiten, wie sich Opfer von den seelischen Leiden im Kontext der Familie, in der Partnerschaft oder im Unternehmen befreien können.

Aus dem Klappentext:

Es ist schwer, sich gegen eine Gewalt zu wehren, die weder greifbar noch beweisbar ist und die doch verletzt. Seelische Gewalt erniedrigt, nimmt die Selbstachtung, macht hilflos. Den Tätern dient sie dazu, ihr eigenes Ego zu erhöhen und ihre Gier nach Anerkennung und Bewunderung zu befriedigen.

Aus dem Text zusammengetragen:

Die Schwierigkeit klinischer Beschreibung (des narzisstisch Perversen, Anm.) wurzelt in dem Umstand, dass jedes Wort, jede Intonation, jede Anspielung von Bedeutung ist. Alle Einzelheiten erscheinen für sich genommen harmlos, doch in ihrer Gesamtheit setzen sie einen zerstörerischen Prozess in Gang. […] So gibt es Individuen, die auf ihrer Bahn Leichen oder vielmehr lebende Leichen zurücklassen. Das hindert sie nicht daran, anderen Sand in die Augen zu streuen und gesellschaftlich völlig angepasst zu erscheinen.

[…] Die Aggressionen sind subtil, es gibt keine greifbaren Spuren, und die Zeugen neigen dazu, es als schlichte konfliktbeladene oder leidenschaftliche Beziehung zwíschen zwei Personen mit schwierigem Charakter zu deuten, was in Wahrheit ein gewalttätiger Versuch von seelischer, ja sogar körperlicher Vernichtung des anderen ist, der manchmal gelingt. […] und die Opfer erst im Laufe der Zeit lernen, den perversen Umgang zu erkennen, sich zu wehren und Beweise zusammenzutragen.

[…] Die narzisstische Verführung verwirrt und verwischt die Grenzen zwischen dem was eigen, und dem, was sonstig ist. […] es ist Einverleibung – mit dem Ziel zu zerstören. Denn die Gegenwart des anderen wird als Bedrohung erlebt, nicht als Ergänzung. Die Beeinflussung besteht darin, jemanden, ohne zu argumentieren, dahin zu bringen, dass er anders denkt, entscheidet oder sich benimmt, als er es aus eigenem Antrieb getan hätte. […] Die Beeinflussung kann soweit gehen, dass der andere nicht mehr seine eigenen Gedanken denkt, wie bei einer echten Gehirnwäsche. […] Das Opfer ist in einem Spinnennetz gefangen, zur Verfügung gehalten, psychologisch gefesselt, betäubt. Ihm ist oft nicht einmal bewusst, dass ein Übergriff stattgefunden hat.

Fazit:

Für Menschen, die in einer vermutlich narzisstisch-geprägten Beziehung sind oder waren und das Gefühl von Unterjochung hatten oder haben, aber nicht einmal konkret sagen könnten, warum, ein absolutes Lesemuss!

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3.   Ingrid Müller-Münch: Die geprügelte Generation

Ingrid-Müller Münch lässt Erwachsene zu Wort kommen, die ‚einschlägige‘ Erfahrungen mit Ihren Eltern haben und in den 50er und 60er Jahren geboren sind. Sie zeichnet dadurch nach, warum geschlagen wurde, wie es war, warum es so war, warum es als ’normal‘ angesehen wurde und wie sich dieser Trend allmählich verändert.

Fazit:

Um über sich selbst zu reflektieren und eigene Erfahrungen wieder ‚auszugraben‘ und zu erkennen: ‚ja, genau so war es auch bei mir!‘, ist dieses Buch sehr zu empfehlen.

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4.   Alice Miller: eine ganze Sammlung

Der rote Faden, der sich durch alle Bücher von Alice Miller zieht, ist, dass sich Gewalterfahrungen, die durch Schläge in der Kindheit gemacht wurden, sich einen Weg nach außen suchen: in Form körperlicher Probleme oder in Form der Weitergabe neuer Gewalt. Dazu hat sie zahlreiche Biografien studiert und belegt an diesen ihre Gedankenansätze.

Ein Fazit, dass in all ihren Büchern zu finden ist, ist: nur ein wissender Zeuge genügt, um das Leid einer gequälten Kinderseele zu senken: Ein wissender Zeuge gibt dem Kind zu verstehen, dass es Unrecht ist, was ihm widerfährt oder widerfahren ist. Dann kann es Kindern gelingen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Fehlt ein wissender Zeuge, führt dies dazu, dass erlebte Gewalt in der Kindheit bei stark despotischen Erwachsenen endet. Auch dies belegt sie an gut recherhierten Beispielen. Und sehr wichtig ist es damit, zu seinem eigenen wissenden Zeuge zu werden und die Verleugnung der erhaltenen Gewalt aufzugeben. Denn nicht-Fühlen der Schmach führt zu langanhaltenen körperlichen Problemen.

Ihre Bücher setzen unterschiedliche Schwerpunkte:

‚Die Revolte des Körpers‘ beschreibt die Formen körperlicher Antworten auf die nicht-gelebten destruktiven Emotionen der erfahrenen frühkindlichen Gewalt, Manipulationen oder Quälereien.

In ‚Das Drama des begabten Kindes‘ beschreibt sie Beispiele, wie Kinder ihre Individualität früh in der Kindheit aufgrund der Anpassung an Elternwünsche und -bedürfnisse aufgeben und die Schwierigkeiten, zum eigenen/eigentlichen Ich zurückzufinden.

‚Am Anfang war Erziehung‘ zeigt, wie sich Kinder mit Gewalterfahrungen und schwarzer Pädagogik entwickeln und dass dies zu Drogenabhängigkeit, Austeilen von erneuter Gewalt u. ä. führen kann.

In ‚Du sollst nicht merken‘ setzt sie sich mit dem immer noch stark vorhandenem gesellschaftlichen No-Go auseinander, elterliche Gewalt und deren Fehler schonungslos beim Namen zu nennen – sowohl bei Betroffenen als auch bei Therapeuten.

In ‚Verbanntes Wissen‘ zeigt sie die Defizite verschiedener therapeutischer Schulen auf, die die schmerzlichen Erfahrungen keineswegs empathisch auch als schmerzliche Erfahrungen ihren Klienten eingestehen und zugestehen. Hier erfolgt z.B. Kritik an der neutralen, wertfreien Therapieform der Psychoanalyse, die dem gequältem Kind auch häufig noch einen eigenen, schuldhaften Anteil attestiert.

‚Der gemiedene Schlüssel‘ sind biografische Analysen zu ihren Thesen anhand von Nietsche, Picasso, Käthe Kollwitz, Buster Keaton und weiteren.

‚Abbruch der Schweigemauer‘ beschreibt die Ausbeutung der Abhängigkeit und Liebesbedürftigkeit von Kindern unter dem Deckmantel Erziehung am Beispiel Nicolas Ceausescus.

‚Evas Erwachen‘ zeigt die Ausmaße frühkindlicher Gewalt auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns und warum sämtliche Erfahrungen im Körpergedächtnis gespeichert bleiben und zu körperlichen Problemen führen – auch wenn unser Bewusstsein die Erfahrungen leugnet.

Fazit:

Alice Millers Bücher sind ein leidenschaftliches Plädoyer für den Mut zur eigenen Wahrheit und Empörung über die in der Kindheit erlittene Schmach durch schwerwiegende Erziehungsfehler und eine Absage an jegliche Form der schwarzen Pädagogik, die nur neues Leid durch Weitergabe erzeugt. Zur Reflektion einer schwierigen Kindheit und Aufgabe der eigenen Verleugnung absolut lesens- und lohnenswert!

Buchansichten

5.   Trauma-Literatur:

Da ich empfehle, sich für eine Traumbearbeitung fachlich versierte Therapeuten zu suchen, möchte ich hier nur kurz der Vollständigkeit halber auf die unterstützenden Trauma-Bücher von Christiane Sautter und Peter A. Levine hinweisen. Diese können als begleitende Bücher einer Therapie sehr gut genutzt werden, sollten aber auf keinen Fall eine Therapie ersetzen!

Buchansichten

©Nicole Teschner 2013

Foto: ©Bluefern photoxpress.com

Verlorene Kindheit: Kindheitstraumen und deren Folgen

Ein Trauma wird durch eine extreme – seelisch und körperlich nicht aushaltbare – Schmerzsituation ausgelöst, der man hoffnungslos ohne Fluchtchance ausgeliefert ist.

Während bei Erwachsenen die auslösenden Ereignisse meist stärkerer Art sein müssen (wie bei Unfällen, Verbrechen, Katastrophen, Folter) reichen bei Kindern neben schwerwiegenden körperlichen oder sexuellen Missbrauchserfahrungen oft auch schon ‚sehr viel geringere‘ Anlässe, um ebenfalls traumatisiert zu werden:  so z.B. im Säuglings- und Kleinkindalter ein Alleinlassen oder Vernachlässigung, anhaltende Ruhigstellung, extrem heißen oder kalten Temperaturen ausgesetzt sein, plötzliche, laute Geräusche oder auch Geburtsstress (dieser kann sowohl für Mutter und Kind traumatisch sein).

Bei etwa sieben bis fünfzehn Prozent der Kinder unseres Landes war beziehungsweise ist das Erleben einer  solchen Traumasituation eine Erfahrung, die sich im Alltag abgespielt hat (Bauer).

Während der Traumaentstehung durchläuft der Mensch schmerzhafte Erfahrungen auf zwei Ebenen:

  • Auf der Ebene des Körpers
  • Auf der Ebene der Seele

Diese werden im Gehirn in verschiedenen Bereichen registriert. Ich möchte hier die Reaktion des Gehirns auf den unerträglichen seelischen Schmerz – und wie es schließlich zu den typischen Traumasymptomen kommt – näher beschreiben :

Um eine traumatische Situation überhaupt ertragen zu können, hilft sich das Gehirn mit einem Notfallmechanismus, der das emotionale/seelische Überleben in der unausweichlichen Situation ermöglicht: die Teile des Gehirns, die für die Wahrnehmung des seelischen und emotionalen Schmerzes zuständig sind (Amygdala und Gyrus cinguli), werden quasi abgeschaltet. Dies funktioniert durch die massenhafte Bildung schmerzstillender und betäubender Substanzen in diesen Bereichen durch diese Bereiche selbst (es werden endogene Opioide und Endorphine gebildet). In der Folge nimmt das Gehirn keinen emotionalen/seelischen Schmerz wahr. Und da diese Bereiche im Normalfall das Selbstgefühl vermitteln, wird also das, was wir als unser Selbst erleben, in der Traumasituation abgetrennt.

Das Ergebnis ist, dass die (körperlichen) Erfahrungen quasi abgetrennt vom Ich erlebt werden. Und dies bezeichnet man als Dissoziation.

Bei leichten Formen der Dissoziation entsteht das Gefühl, nicht mehr gut im Kontakt mit dem eigenen Körper zu stehen. Bei schweren Formen der Dissoziation gibt es meist keinen Kontakt mehr zum eigenen Körper, es treten Lähmungs- oder Teillähmungserscheinungen auf, das Gefühl innerlich leer zu sein, keinen emotionalen Kontakt zu Mitmenschen zu haben (bei gleichzeitig starken Einsamkeitsgefühlen), Taubheitsgefühle.

Die schwersten Formen traumatisch bedingter Dissoziationen können sogar zur Abspaltung eigener Persönlichkeiten führen (nach wiederholten Schwersttraumatisierungen). Dies kann zur Bildung der dissoziativen Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsstörung) führen.

Dissoziative Phänomene sind also das Kernsymptom traumatischer Erfahrungen. Sie sind ein zentrales Symptom bei der Borderline-Störung, treten bei Essstörungen und auch bei anderen Erkrankungsbildern auf. Begleiterkrankungen sind Depressionen, Angststörungen, Flashbacks, Albträume, erhöhte Stresslabilität.

Die Schwierigkeit an einmal erlebten Traumen besteht darin, dass das Gehirn derart sensibilisiert ist, sodass fortan kleinste Ähnlichkeiten von Alltagssituationen oder Personen zur Erinnerung an die traumatische Erfahrung reichen und es somit immer wieder und immer schneller zum Auftreten der dissoziativen Phänomene kommt, die die Lebensqualität enorm herabsetzen.

Die Bearbeitung erlebter Traumen ruft häufig erneut die enorm schmerzhaften Erinnerungen hervor – mit den begleitenden Einschränkungen durch die Dissoziation. Daher  müssen erlittene Traumatisierungen auf jeden Fall über einem längeren Zeitraum mit kundigen Trauma-Therapeuten bearbeitet werden, um die aktuelle Gesundheitsproblematik zu verbessern. Hier ist Selbsthilfe eher schädigend. Ich empfehle dringend, sich Therapeuten anzuvertrauen, die auf diesem Gebiet versiert sind! Stichworte für die Suche geeigneter Traumatherapeuten sind z.B. EMDR, Somatic experience®, wingwave u.a.

©Nicole Teschner – 2013

©Foto: Clarini photoxpress.com

Verlorene Kindheit: Das gestrafte Kind – körperliche Folgen als Erwachsene

Nach dem psychischen Missbrauch, den Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung  anderen Menschen oder sogar Kindern antun oder angetan haben, möchte ich das Thema körperliche Misshandlung und Bestrafung in der Kindheit aufgreifen.

Eine ganze Generation Kinder ist Opfer der ‚schwarzen Pädagogik‘ geworden.

Die schwarze Pädagogik sah vor, dass man Kinder durch körperliche Züchtigungen erziehen solle, weil sie es bräuchten und sonst nicht ordentlich heranwüchsen – eine Philosophie auf der Basis von Luthers Lehren und dem vierten Gebot ‚du sollst Vater und Mutter ehren‘. Erst im Verlauf der 70er und 80er Jahre ist immer mehr erkannt worden, dass das körperliche Erziehen doch schädlich auf die Psyche der Kinder ist und es hat sich in der Pädagogik seither viel verbessert.

Das heißt, dass viele – wenn nicht die meisten – der heute um die 40, 50 oder 60-jährigen Rohrstock, Teppichklopfer, Kleiderbügel, Kochlöffel, schlagende Hände o.ä. in anderer Funktion als ursprünglich geplant in unangenehmer Erinnerung haben dürften. Oder anders formuliert: die Ausnahme war ein Aufwachsen ohne Körperstrafe.

Erst ab dem Jahr 2000 haben Kinder laut BGB §1631 – dem ‚Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung‘ das ausdrückliche Recht auf gewaltfreie Erziehung: ‚Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig‘ (vgl. Wikipedia).

Körperliche Konsequenzen

Eine ganze Generation kennt also die Prügelstrafe, die Unvorhersehbarkeit von Bindungspersonen und die Unsicherheit, die das häusliche Umfeld damit erzeugt hat. Und das hat weitreichende körperliche Konsequenzen bis ins Erwachsenenalter hinein:

Wie aktuelle Unteruchungen zeigen, hängen frühkindliche Missbrauchserfahrung (hier bezogen auf die rein körperlichen!) eng mit der Entstehung von Depressionen, Angsterkrankungen und Angstsymptomen, plötzlich auftauchenden Schreckensbildern, Borderline-Störungen und Essstörungen  zusammen. Auch das ‚bloße‘ Miterleben häuslicher Gewalt hat ähnliche Effekte und führt zu stressbedingten Erkrankungen.

Kinder erleben Erfahrungen eher traumatisch als Erwachsene

Das kindliche Gehirn ist sehr anfällig für die Entwicklung Misshandlungs-bedingter Spätfolgen. Während bei Erwachsenen eher schwerwiegende Ereignisse eintreten müssen, damit es zu schwerwiegenden Veränderungen des Gehirns kommt, reichen bei Kindern auch weniger bedrohliche Ereignisse, um zu solchen Veränderungen zu führen (z.B. mangelnder Körperkontakt von Neugeborenen), weil das frühkindliche Gehirn enorm plastisch ist und es damit stressanfälliger ist. Und diese ‚Stresserfahrung‘ wird damit quasi in das Gehirn ‚eingebrannt‘.

Je eher solche Erfahrungen gemacht werden, desto stärker ist die Wahrscheinlichkeit einer starken ‚Ver-Formung‘ der Gehirnarchitektur, weil die Neuroplastizität ihren Höhepunkt bei ca. einem Lebensjahr hat und danach stetig geringer wird.

Wenn solche Erfahrungen sogar gemacht werden, bevor die Sprachentwicklung stattgefunden hat, dann bleiben damit verbundene Emotionen im Gedächtnis gespeichert, aber die Erinnerung dazu kann niemals in Worte gefasst werden, weil dazu die Sprachentwicklung nötig ist. Damit ‚gibt es zwar die Gefühle und die Emotionen, nicht aber die Worte für die Erinnerung, die sie formten‘ (Daniel Goleman). Solche frühkindlichen Erfahrungen, die später nicht unmittelbar dem Bewusstsein zugänglich zu machen sind, haben damit das Potenzial, zu Beeinträchtigungen bis ins Erwachsenendasein zu führen, ohne dass ein Erinnerungszusammenhang hergestellt werden könnte.

Doch was, wenn Sie bei sich solche Zusammenhänge erkennen?

Auf gar keinen Fall sollten Sie nun Massen-Privatgerichte hervorrufen, wo Sie als Erwachsene jetzt anfangen ihre (vielleicht noch lebenden) Eltern für aktuelle gesundheitliche Schwierigkeiten zur Rechenschaft zu ziehen. Denn ein ‚zur Rede stellen‘ der Eltern ist erst einmal gar nicht notwendig. Außerdem werden diese in den wenigsten Fällen ‚zugeben‘ – geschweige denn sich entschuldigen -, dass Sie damals etwas Falsches getan haben, weil Sie unter anderen Voraussetzungen und Vorstellungen aufgewachsen sind und demgemäß gehandelt haben und es ihnen oft sogar richtig erschien.

Ihre Aufgabe ist es, erst einmal solche Zusammehänge zu erkennen und zu begreifen, dass körperliche Strafen, Schikanen, Beschämungen in Ihrer Kindheit in Zusammenhang mit aktuellen Problemen stehen könnten. Und danach sollten Sie sich daran machen, diese Themen und die Zusammenhänge zu bearbeiten und ‚aufzulösen“, so dass sie Ihnen keine weiteren Schwierigkeiten mehr bereiten werden. Und dafür gibt es viele gute Möglichkeiten und Strategien.

©Nicole Teschner – 2013

Foto: ©starush photoxpress.com

Burnout: Warum ‚ein Ruhetag‘ oft nichts bringt Teil II

Um nochmal auf die wohlgemeinten Tipps ‚ Ruhetag einhalten‘ oder ‚Pausen machen‘ zurückzukommen:

Wie ich es schon im letzten Artikel verdeutlich habe, ist es ab einer gewissen Stufe des Burnout-Prozesses durchaus sehr wichtig, einem gestressten Körper und einer gestressten Psyche Erholung zu gönnen, damit sich das übersteigerte Stresssystem im Körper wieder beruhigen kann.

Allerdings fördert dies eher mehr Frust als es hilft, wenn nicht gleichzeitig die Muster verändert werden, die es so schwierig machen, das eigene Verhalten – welches zu übersteigerter Arbeit oder Aktivität und zum ‚fehlendem Grenzen-setzen können gegen sich selbst‘ führen – verändert werden:

Nehmen wir einmal an, im Vertrag ist eine 40 Stunde-Woche vereinbart und mit Erfüllen dieser 40 Stunden wandert am Ende des Monats automatisch der Lohn oder das Gehalt auf das Konto. Damit würde es also reichen, nach genau 40 Stunden den Hammer oder die Akten oder das Telefon oder Sonstiges fallen zu lassen und nach Hause zu gehen.

Burnout-Gefährdete tun das aber meistens nicht: sie arbeiten nach Feierabend dann nochmal eben das ab, was noch liegen geblieben ist, nehmen sich Arbeit mit nach Hause, sind allzeit bereit, wenn sie gefordert werden, übernehmen die Arbeit anderer zusätzlich in ihr Arbeitspensum (‚weil es sonst nicht läuft‘), fühlen sich für alle Fehler selbst verantwortlich, bürden sich immer wieder Zusatzarbeit auf und möchten ihre Arbeit ‚eben sehr gut machen‘ usw., usw.

Es drängt sich gleich ein ‚warum tun sie das?‘ auf und das führt mich zum Thema ‚Sinnhaftigkeit Allzweckwaffe Ruhetag‘:

Viele Burnout-Gefährdete oder -Erkrankte tun dies, weil dies zusätzliche Bedürfnisse erfüllt, die weit, weit über das Geldverdienen hinausgehen und geraten genau durch dieses Verhalten in einen Burnout. Wichtig zu betonen ist, dass vielen Burnout-Erkrankten diese Bedürfnisse keineswegs bewusst sind und dass das ehrliche Eingestehen dieser Zusammenhänge auch sehr viel Mut erfordert.

Um aber zurück zum Thema ‚nehmen Sie einen Ruhetag pro Woche‘ zu kommen:

Raten Sie mal, was passiert, wenn der Betroffene sich vorher sieben Tage die Woche diese Metabedürfnisse über seine Arbeit erfüllen konnte und jetzt auf einmal 1/7 dessen‘ streichen soll, weil er einen Tag Auszeit nehmen soll?

Ich denke, sie kennen die Antwort schon: es wird genau das Gegenteil von Ruhe und Erholung eintreten, weil der Betreffende es unbewusst als Strafe wahrnehmen wird, wenn diese Bedürfnisse nun weniger erfüllt werden und in verstärktem Stress geraten. Denn durch den Behebungsversuch der körperlichen Erschöpfung hat er nun psychisch ein neues Problem wegen mangelnder Bedürfnisbefriedigung geschaffen. Damit wird der Burnout-Gefahr nicht entgegengewirkt, sie wird in diesen Fällen den Stress verstärken, weil ein neues Frustrationsproblem entsteht.

Die Kunst besteht also darin, zu erkennen, was genau es ist, was die Ursache von Verausgabung und Erschöpfung tatsächlich ist und sie dann zu verändern.

 

©Nicole Teschner – 2013

Bild: ©Robert Mobley photoxpress.com

Burnout: Warum ‚ein Ruhetag‘ oft nichts bringt Teil I

Als ich heute Morgen mal geschaut habe, wie die Tipps-Seite auf Google erscheint, habe ich mir auch andere Seiten angeschaut, die ebenfalls Tipps gegen Burnout parat haben (sollen). Bei einer Seite habe ich mir bereits bei der Definition des Burnout-Syndroms ungläubig an den Kopf gefasst. Da steht:

Das Burn-Out-Syndrom ist ein Sammelbegriff. Er beschreibt lediglich das Gefühl, das die meisten Menschen mit schweren Depressionen, chronischen Schlafproblemen, Angststörungen oder Stress eint: ein Gefühl von völliger, innerer Leere und Antriebslosigkeit.

Diese Definition klingt sehr verniedlichend und packt einfach mal alle in einen Topf, denen scheinbar irgendwie nicht zu helfen ist. Das dies nicht der Fall ist, erlebe ich in der täglichen Praxis immer wieder.

Weiter heißt es nun:

Damit es aber gar nicht erst soweit kommt, sollten Sie ein paar wichtige Tipps beachten.

Die nun folgenden vier ersten Tipps beziehen sich darauf, mit den eigenen Kräften besser zu haushalten, regelmäßig Pausen einzulegen, ungesunde Substanzen zu meiden usw. Durchaus sinnvoll, aber ich fasse sie mal zusammen zu (und diese Tipps findet man auch regemäßig auf den anderen Seiten):

‚Hör einfach auf so viel zu arbeiten (zu leisten) und ernähr dich gesund!‘

Wenn das der Schlüssel gegen Burnout ist, warum reicht es dann oft nicht aus, ein, zwei oder drei Wochen auszusteigen? Oder sich sogar längere Zeit ‚krankschreiben zu lassen‘  und es verändert sich trotzdem nichts? Sicher haben viele Betroffene genau diese Erfahrung gemacht und gemerkt, dass das nicht der ultimative Schlüssel im ‚Kampf‘ gegen Burnout ist, denn das ’sich selbst Grenzen setzen‘, funktioniert nicht oder die Probleme werden dadurch keineswegs besser.

Der nächste Tipp besagt (auch auf weiteren Seiten zu finden):

‚Vernachlässige auf keinen Fall Familie, Freunde oder Hobbies!‘

Dieser Tipp mag bei Gesunden oder bei leicht Gefährdeten oder Gestressten gut funktionieren.

Wenn man allerdings die (neurobiologischen) Prozesse kennt, die im Verlauf des Burnout-Prozesses (oder einer erhöhten, fortschreitenden Stressexposition) auftreten, dann müsste man wissen, dass diese Strategie ab einer gewissen Stufe ebenfalls versagen MUSS, eher kontraproduktiv ist und der Rückzug Betroffener eine ganz normale und vor allem erst einmal sinnvolle Folge ist. Warum dies gar nicht funktionieren kann, erläutere ich meinen Seminarteilnehmern und Klienten immer wieder ausfühlich. Und Gefühle von Leere, Antriebslosigkeit oder Lähmung oder damit einhergehende Depressionen sind damit der Ausdruck eines langen Leidensweges und nicht Ausdruck einer verniedlichten, neurotischen Anwandlung Betroffener oder eines ‚ich habe einfach grad mal kein Bock‘. Hier wird auf vielen Seiten Missverständliches vermittelt.

Die letzten drei Tipps auf dieser Seite sind dann endlich sinnvoller: Reflexion der eigenen Lage und Hilfe suchen und vor allem: Hilfe annehmen!

Und dazu ist professionelle Unterstützung in jedem Fall sehr sinnvoll.

In Folgeartikel werde ich nochmal aufgreifen, warum ein Ruhetag als Erstmaßnahme eher schädlich als förderlich ist.

©Nicole Teschner – 2013

Bild: ©Robert Mobley photoxpess.com

(obige Tipps und Definition gefunden auf:  rtl.de/cms/ratgeber/tipps-gegen-das-burn-out-syndrom-d8df-6e0f-99-112012.html)